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Eine Gesellschaft oder
eine Gruppe von Menschen hält letztendlich zusammen, weil sie es wollen.
Es gibt drei spezifische
Gründe, die diesen Willen wecken: Not, Erfolg und Liebe.
In einer komplexen
Gesellschaft koexistieren diese drei Gründe stets zusammen.
1. Not
Traditionell wurde Not in
Zusammenhang mit „Solidarität“ verstanden. Nur diejenigen, die im selben Boot
sitzen, kennen und verstehen die Situation, in der sie sich befinden, und nur sie
können die richtige Entscheidung treffen, um aus dieser Lage herauszukommen.
Not
ist zum Beispiel das, was viele Familiengruppen zusammenhält. „Dort wo drei
essen, essen auch vier“, sagt man in Spanien.
Die
Notlage erlaubt selten demokratische Strukturen. In den meisten Fälle übernimmt
eine Person oder eine kleine Gruppe, die volle Verantwortung, Macht, oder wie auch
immer man es nennen will.
Eine
Notsituation kann für das einzelne Individuum besonders gefährlich sein. Zum
Beispiel: In einer Gruppe wird jemand zum Opfer ausgewählt, damit diese
schwierige Situation endet, oder in einer Gruppe wird festgestellt, dass eine Person
oder mehrere Personen die Ursache für diese Situation sind und sie werden als Sündebocke bestraft.
Wenn
die Mehrheit der Individuen durch diese Unsicherheit mehr gefährdet ist als durch
die Notwendigkeit der Situation selbst, kommt es in der Regel zu Revolutionen.
2.
Erfolg.
Eine
Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen, die ihre Ziele erreichen, wenn sie
zusammenarbeiten, versuchen zusammenzuhalten, um weiterzumachen.
Hier
ist das Thema "Freiheit" ambivalent. Es ist wahr, dass die Freiheit es dem
Individuum ermöglicht, eigene Entscheidung zu treffen, die gut für den Erfolg
der Gruppe sein können. Anderseits kann aber diese individuelle Initiative auch
dem kollektiven Interesse schaden.
Die
größte Gefahr entsteht jedoch, wenn individuelle Freiheit begleitet von
persönlichem Ehrgeiz in Aktion tritt. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies
wahrscheinlich rentabel. Trotzdem gefährdet dieser Individuelle Erfolg den
Zusammenhalt der Gruppe. Die Kohäsion der Gruppe hält, solange der individuelle
Erfolg potenziell allen offen steht. Anderenfalls gibt es entweder eine Machtergreifung
der „Elite“ oder es bricht eine Volksrevolte aus
3.Liebe.
Sie
entsteht aus einer freien und ehrlichen Entscheidung, um etwas Transzendentes
aufzubauen oder weiter zu bauen. Liebe ist weder rationales Kalkül noch
entfesselte Leidenschaft.
Hier
sind Verstand und Gefühle in der Vernunft vereint. Sympathie spielt eine
wichtige Rolle. Die Prinzipien, die der Gruppe das Aufbauen ermöglichen auch.
Die Prinzipien entstehen aus Liebe zu einem bestimmten idealen Modell.
Was
die Gruppe hier zusammenhält ist eher der Wille, eine Selbstverpflichtung zu
erfüllen als ein Vertrag zu respektieren, um etwas zu erledigen. Es ist egal
für was oder für wen die Liebe da ist: für die Familie, für die Heimat, für die
Sprache, für das Unternehmen oder für die Nächsten. Das Wichtigste ist vor
allem, dass diese Liebe frei, ehrlich und mit der Einstellung der Dauerhaftigkeit
ist: ob es regnet oder die Sonne scheint, ob man sich in Not befindet oder man den
Erfolg genießt.
Eine
solche Liebe ist selten, aber nicht, weil sie selten ist, ist sie weniger stark
als Element des Zusammenhangs. Ganz im
Gegenteil: Die Liebe als Element der Kohäsion in der Gesellschaft ist so
mächtig, dass Diktaturen aller Art und Sorten die Liebe zu ihren Prinzipen,-
durch Propaganda Erziehung zum Beispiel, in der Bevölkerung aufzudrängen
versuchen.
Aber
diese Liebe kommt nicht aus dem Inneren, sondern wird von außen eingeführt.
Damit beginnt das schlimmste Verderben im Menschen und in der Gesellschaft.
Nämlich: das Verderben durch Heuchelei.
Es
gibt eine weitere Gefahr. Die Gefahr der Besessenheit von der Suche nach der
wahren Liebe, die der Suche nach einer mystichen Vereinigung, eine „Union Mystica“
ähnelt. Das verursacht das Phänomen des Kitsches.
Isabel
Viñado Gascón
(Dieser
Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 1 May 2022)