Samstag, 14. Februar 2026

Sozialer Zusammenhalt

Eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen hält letztendlich zusammen, weil sie es wollen.

Es gibt drei spezifische Gründe, die diesen Willen wecken: Not, Erfolg und Liebe.

In einer komplexen Gesellschaft koexistieren diese drei Gründe stets zusammen.

1. Not

Traditionell wurde Not in Zusammenhang mit „Solidarität“ verstanden. Nur diejenigen, die im selben Boot sitzen, kennen und verstehen die Situation, in der sie sich befinden, und nur sie können die richtige Entscheidung treffen, um aus dieser Lage herauszukommen.

Not ist zum Beispiel das, was viele Familiengruppen zusammenhält. „Dort wo drei essen, essen auch vier“, sagt man in Spanien.

Die Notlage erlaubt selten demokratische Strukturen. In den meisten Fälle übernimmt eine Person oder eine kleine Gruppe, die volle Verantwortung, Macht, oder wie auch immer man es nennen will.

Eine Notsituation kann für das einzelne Individuum besonders gefährlich sein. Zum Beispiel: In einer Gruppe wird jemand zum Opfer ausgewählt, damit diese schwierige Situation endet, oder in einer Gruppe wird festgestellt, dass eine Person oder mehrere Personen die Ursache für diese Situation sind und sie werden als Sündebocke bestraft.

Wenn die Mehrheit der Individuen durch diese Unsicherheit mehr gefährdet ist als durch die Notwendigkeit der Situation selbst, kommt es in der Regel zu Revolutionen.

2. Erfolg.

Eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen, die ihre Ziele erreichen, wenn sie zusammenarbeiten, versuchen zusammenzuhalten, um weiterzumachen.

Hier ist das Thema "Freiheit" ambivalent. Es ist wahr, dass die Freiheit es dem Individuum ermöglicht, eigene Entscheidung zu treffen, die gut für den Erfolg der Gruppe sein können. Anderseits kann aber diese individuelle Initiative auch dem kollektiven Interesse schaden.

Die größte Gefahr entsteht jedoch, wenn individuelle Freiheit begleitet von persönlichem Ehrgeiz in Aktion tritt.  Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies wahrscheinlich rentabel. Trotzdem gefährdet dieser Individuelle Erfolg den Zusammenhalt der Gruppe. Die Kohäsion der Gruppe hält, solange der individuelle Erfolg potenziell allen offen steht. Anderenfalls gibt es entweder eine Machtergreifung der „Elite“ oder es bricht eine Volksrevolte aus

3.Liebe.

Sie entsteht aus einer freien und ehrlichen Entscheidung, um etwas Transzendentes aufzubauen oder weiter zu bauen. Liebe ist weder rationales Kalkül noch entfesselte Leidenschaft.

Hier sind Verstand und Gefühle in der Vernunft vereint. Sympathie spielt eine wichtige Rolle. Die Prinzipien, die der Gruppe das Aufbauen ermöglichen auch. Die Prinzipien entstehen aus Liebe zu einem bestimmten idealen Modell.

Was die Gruppe hier zusammenhält ist eher der Wille, eine Selbstverpflichtung zu erfüllen als ein Vertrag zu respektieren, um etwas zu erledigen. Es ist egal für was oder für wen die Liebe da ist: für die Familie, für die Heimat, für die Sprache, für das Unternehmen oder für die Nächsten. Das Wichtigste ist vor allem, dass diese Liebe frei, ehrlich und mit der Einstellung der Dauerhaftigkeit ist: ob es regnet oder die Sonne scheint, ob man sich in Not befindet oder man den Erfolg genießt.

Eine solche Liebe ist selten, aber nicht, weil sie selten ist, ist sie weniger stark als Element des Zusammenhangs.  Ganz im Gegenteil: Die Liebe als Element der Kohäsion in der Gesellschaft ist so mächtig, dass Diktaturen aller Art und Sorten die Liebe zu ihren Prinzipen,- durch Propaganda Erziehung zum Beispiel, in der Bevölkerung aufzudrängen versuchen.

Aber diese Liebe kommt nicht aus dem Inneren, sondern wird von außen eingeführt. Damit beginnt das schlimmste Verderben im Menschen und in der Gesellschaft. Nämlich: das Verderben durch Heuchelei.

Es gibt eine weitere Gefahr. Die Gefahr der Besessenheit von der Suche nach der wahren Liebe, die der Suche nach einer mystichen Vereinigung, eine „Union Mystica“ ähnelt. Das verursacht das Phänomen des Kitsches.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 1 May 2022)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Würde

 

Die Würde ist das erste Axiom, auf dem die grundlegenden Menschenrechte basieren. Einige Autoren, die aus der jüdisch-christlichen Perspektive arbeiten, behaupten, dass der Mensch Würde hat, weil er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Im Gegensatz zur sumerischen Religionstradition, in der der Mensch in der Sklaverei der sumerischen Götter lebte. Meiner Meinung nach ist diese Erklärung aus zwei Gründen unzutreffend. Erstens: Das Geschaffen-werden nach dem Ebenbild Gottes verleiht dem Menschen die Herrschaft über die anderen Spezies, nicht die Würde. Zweitens: Obwohl von einer jüdisch-christlichen Tradition gesprochen werden kann, ist es mir wichtig zu betonen, dass dies in diesem Fall nicht möglich ist. In der jüdischen Welt wird die Heiligkeit der Würde kollektiv (Spezies und Gattung) vermittelt. Deshalb bestraft Gott im Alten Testament die Gemeinschaft - Sodom und Gomorra, tötet die Erstgeborenen der Ägypter, befiehlt die Niederlagen in den Kriegen. Selbst wenn Gott bei diesen kollektiven Strafen einen bestimmten Menschen rettet, Noah, Hiob, sind solche Individuen in Wirklichkeit Vertreter der Menschheit. Mit ihrer Rettung vergibt Gott der Menschheit. Gott rettet die Gemeinschaft - das Gelobte Land, Siege in den Kriegen.

Im Christentum hingegen gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Absoluten und dem Konkreten, zwischen dem Universellen und dem Besonderen. Im Christentum ist der Mensch ein Universelles, das sich konkretisiert hat. Genauso wie das Absolute, nämlich Gott, sich in Jesus konkretisiert hat. Gerettet oder verdammt wird das Individuum. Das jüdische Volk wandert als Kollektiv vierzig Jahre lang in der Wüste. Das jüdische Volk tanzt gemeinsam um Baal. Jesus verbringt allein, einsam, als Individuum vierzig Tage in der Wüste. Er, und nur er, ist derjenige, der der Versuchung widersteht, kämpft und schließlich siegt. Der Parallelismus zwischen beiden Situationen ist spürbar. Der Unterschied auch. Der gute Dieb wird gerettet und der schlechte Dieb wird verdammt, jeder nach seinen Taten.

Was meiner Meinung nach dem Menschen die Würde verleiht, sind zwei Elemente. Das erste ist, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde. In diesem Zusammenhang sind auch die Tiere heilig: aus demselben Grund. Tiere, ebenso wie Pflanzen, ebenso wie der Mensch, erlangen ihre heilige Würde, weil sie Geschöpfe Gottes sind. Das Leben eines anderen Lebewesens anzugreifen, bedeutet, sich gegen die Schöpfung Gottes aufzulehnen.

Das zweite Element ist das Gebot der "Nächstenliebe". Aus der Sicht des Christentums verliert die Figur des Nächsten ihre Gültigkeit, wenn sie als universell betrachtet wird. Das Christentum - das müssen wir immer im Hinterkopf behalten - bedeutet die Konkretisierung des Absoluten. Maria, Martha, Lazarus, Maria Magdalena, die Samariterin, Petrus, Johannes, Thomas und Pilatus – sie alle sind konkrete Frauen und Männer, mit denen Jesus isst, spricht und des Weges geht. Jesus dient dem Nächsten aus Fleisch und Blut, der ihm gegenübersteht.

So betrachtet beginnt die Individualisierung des Menschen im Christentum, nicht in der Aufklärung. In der Aufklärung nimmt die Individualisierung des Menschen die Form von Gesetzen an. Daher verteidigt die Individualität einerseits ihre Rechte, wird aber durch die rechtliche Form entpersonalisiert. Der Ausdruck "jeder Mensch" wird so zu einem bloßen Ausdruck, der so inhaltsleer ist wie der Ausdruck "Nächstenliebe". Das heißt, was Konkretisierung des Absoluten ist, wird universalisiert, aber es wird nur universalisiert, ohne dass sich die Verwandlung in das Absolute vollzieht, denn in diesem Moment ist das erste Axiom der Mensch selbst. Der Ausdruck "Würde" wird in der Aufklärung sowohl der Heiligkeit als auch der Konkretisierung beraubt. Dennoch bleibt sie juristisch betrachtet gesichert.

In unseren Zeiten gibt es eine Inflation von gottlosen Begriffen wie Empathie, Solidarität usw., eingeführt von so unpersönlichen Kollektiven wie den universellen Aufklärern.

Weder die Arbeit noch die guten Taten noch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv vermitteln uns Würde. All dies sind Facetten unseres Lebens, die unsere Entwicklung als Mensch in der Gesellschaft reflektieren.

Die Würde des Menschen – mit Gott oder ohne Gott – ist untrennbar von der reinen Existenz eines jeden Menschen. Darauf beruht das Postulat der Unantastbarkeit der Würde: Wer die Würde angreift, greift die Existenz an.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 10 November 2024)

Wirklichkeit und Wahrheit

 

Für dieses Thema ist die Einführung eines dritten Konzepts notwendig, nämlich dasjenige der „Wahrnehmung“; denn die Wahrnehmung ist das erste Stadium der menschlichen Kenntnis.

Die Wahrnehmung bezieht sich auf die Sinne und diese können uns täuschen. Ein Beispiel: Wenn wir einen Fisch mit einem Spieß fischen möchten und wir aufgrund unserer Wahrnehmung des Auges die Position des Fisches verorten würden, würden wir wegen der Lichtbrechung keinen Fisch fangen.

Daher können wir behaupten, dass die Wirklichkeit anders als unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist.

Trotzdem ist die Wirklichkeit durch Beobachtung, Hypothese, Experiment und Falsifizierbarkeit erkennbar. Das heißt: Man kann die Wirklichkeit durch bestimmte Messgeräte, Techniken und Methoden begreifen. Die Wirklichkeit, auf diese Art und Weise zu kennen, nennt man „Wissenschaft“.

Aber da diese „wissenschaftliche Wirklichkeit“ falsifizierbar ist, sprechen viele Wissenschaftler lieber von „Gültigkeit“ und „Ungültigkeit“ der wissenschaftlichen Prämissen als von Wahrheit. Sie ordnen die Wahrheit in den Bereich der Logik ein. Nur hier ist es möglich, eine Prämisse als „wahr“ oder „falsch“ zu beurteilen.

Aber vielleicht sollten wir uns darüber Gedanken machen, welchen Grad oder welches Niveau der Wahrheit eine logische Prämisse besitzt. „A single word or expression in tantra can have four different meanings corresponding to the four levels of interpretation, known as the four modes of understanding. Which are: (i) the literal meaning; (ii) the general meaning; (iii) the hidden meaning; and (iv) the ultimative meaning.” (The Path to tranquility. Daily Meditations. His Holiness the Dalai Lama. June 27. Seite 195. Edited by Renuka Sing. Penguin Books 1998.)

Diese Worte zeigen nicht nur die Fragilität der Logik, sondern auch, dass das Thema „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ die Wissenschaft transzendiert und die Ebene der existenziellen Dimension erreicht.

In der Philosophie verwischt der Konstruktivismus den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Der Mensch kann die Wirklichkeit mit den Elementen aufbauen, die er hat. Mit diesen Elementen kann er eine Wirklichkeit aufbauen, die auch wahr ist. (Man konnte den Konstruktivismus fragen: Wer oder was hat die Elemente erschaffen, die für die Konstruktion nötig sind.)

Auf jeden Fall verblasst die Frage nach der Wahrheit, wenn man Wahrnehmung und Wahrheit gleichsetzt. Diese Gleichsetzung kommt zum Teil aus dem Bereich der „Esoterik“, zum Teil aus der Wissenschaft selbst: hier aus der Quantenmechanik; zum Teil aus dem Konstruktivismus in der Philosophie. Viele gehen sogar einen Schritt weiter und setzen „Konstruktion“ und „Erschaffung“ als Synonyme gleich.

Sie behaupten, dass jeder von uns seine eigene Welt und Wirklichkeit nicht nur aufbauen, sondern mit der eigenen Kraft seines Geistes die Wirklichkeit erschaffen kann; dass „NUR“ die Wirklichkeit, die wir beobachten und die für wahr halten existiert.

Wenn der Beobachter die Wirklichkeit durch seine Beobachtung bestimmt, was ist dann „Wahrheit“? Was passiert, wenn die existierende Wirklichkeit, allein die Wirklichkeit ist, die der Beobachter beobachtet? Das heißt: Was geschieht, wenn die Wirklichkeit nur diejenige ist, die der Beobachter mit seiner Beobachtung wahrnimmt, sodass diese Beobachtung nicht nur „Wahrnehmung“, sondern sogar „Bestimmung“ der Wirklichkeit und damit der Wahrheit selbst ist. Die Beobachtung des Beobachters setzt die Wirklichkeit und damit auch die Wahrheit.

Trotz alldem sollten wir nie vergessen: Eine Aussage über Wirklichkeit ist falsifizierbar; Wahrheit dagegen nicht. Konstruktion ist nicht dasselbe wie Erschaffung. Subjektivismus soll nur ein Aspekt der Wirklichkeit sein, nicht die Wirklichkeit selbst. Sonst laufen wir die Gefahr, dass Wahrnehmung (die immer subjektiv ist) zum Maßstab für die Wirklichkeit und für die Wahrheit wird.

Isabel Viñado Gascón.

(Dieser Artikel erschien ertsmals in MoMo PubTalk am 11 Oktober 2020)

 

 

 

 

 

 

 

 

Vision

 

Ich möchte hier zwei verschiedene Bücher vorstellen: „Dreams, Hallucinations, visions“, von Ernst Benz und „The doors of perception“, von Aldous Huxley.

Ernst Benz unterscheidet zwischen Halluzinationen, die in dem Bereich der Psychiatrie einzuordnen sind, und Träume, Prophezeiungen, Visionen und sogar Intuitionen, die zu dem Feld der religiösen Erfahrung gehören, und nimmt die Figur von Swedenborg als Beispiel.

Er behauptet, dass sowohl im Alten Testament wie in Neues Testament, die Begriffe „Prophezeiungen“ „Träume“ „Visionen“ Synonyme sind, weil alle diese Begriffe eine göttliche Manifestation bedeuten.

Das Misstrauen der heiligen Bücher in Bezug auf wahrsagendes Träumen und Weissagungspraktiken macht lieg daran, sagt Benz, dass diese Praktiken mit heidnischen Kulten in Verbindung stehen.

Interessant ist seine Bemerkung über die westliche Psychologie. Nach der Meinung von Benz, ist die westliche Psychologie größtenteils ein Produkt der visionären Mystik.

Das Buch von Aldous Huxley betrachtet die Halluzinationen und Visionen weder aus der Sicht der christlichen Mystik noch aus dem Bereich der Psychiatrie; eher, - würde ich sagen,- aus dem Blickwinkel der Kunst. Solche Erscheinungen sind auch nicht göttliche Manifestationen oder vorbestehende psychische Störungen, sondern durch Drogeneinfluss verursacht. Speziell experimentiert er mit Meskalin. Huxley beobachtet, dass die Sinne durch diese Droge intensiviert werden. Vor allem Wahrnehmung und Gerüche werden schärfer. (Auch Ernst Jünger und Walter Benjamin berichten in genauer Selbstbeobachtung über die Wirkung von Drogen.)

Meine persönliche Meinung zu diesem Thema

-          Aus mystischer Sichtweise sind Drogen nicht erlaubt, weil das „Schummelei“, Betrug bedeutet. Drogen sind der Anspruch, das letzte Level zu erreichen, ohne die entsprechenden Stufen „ordentlich“ durchlaufen zu haben.

-          Andererseits weiß man heute, wieviel Schaden die Drogen verursachen - nicht nur im Gehirn.

-          Gleichzeitig würde ich auch extrem vorsichtig mit Worten wie „Träume“ „Visionen“ und „Intuitionen“ umgehen.

 

Oft sind solche „Visionen“ der Abschluss von logisch-intellektuellen Ketten, die unser Geist unbewusst ausführt, entweder wenn er ruht (Träume) oder wenn ihn unvorhergesehene Vorkommisse aktivieren (ein Wort, ein Objekt, eine Situation).

Meiner Meinung nach gibt es kaum Visionen und Träumen, die als übernatürliche Manifestationen bewerten werden.

Und sogar in solchen Fällen sollte man mit Vorsicht betrachten, ob es göttliche oder dämonische Manifestationen sind. Gerade das letzte ist der Makel (Falle, Gefahr), dass die sogenannten heidnische Weissagungspraktiken mit sich tragen. Sie stellen in den meisten Fällen schamanistische und nekromantische Praktiken dar.

Kurz: Visionen sollten den Ausdruck unserer eigenen Ziele sein. Ziele, die nur unsere Anstrengung zur Erfüllung bringen können. Und wenn wir, auf diesen Weg ein göttliches Licht finden, das unseren Weg erleuchtet, sollten wir dankbar dafür sein.

Wenn schon die individuellen Visionen solche Gefahren und Risiken in sich tragen, dann enthalten die kollektiven Visionen noch größere Gefahren.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 18 September 2022)

 

Vertrauen

 

Provozieren, ja. Das ist es eigentlich, was ich mit diesem Impuls möchte.

Viele haben kein Vertrauen mehr in Gott.

Viele haben kein Vertrauen mehr in „das System“.

Viele haben kein Vertrauen mehr in die Ewigkeit.

Viele glauben nicht mehr, dass eine Ehe eine auf Liebe basierte Säule für die zukünftigen Generationen sein könnte. Junge Menschen heiraten ohne Vertrauen in die Zukunft. "Mal gucken, wie lange das hält.“

Es gibt kein Vertrauen in die eigenen Kräfte. Deshalb entstehen immer mehr kollektive Bewegungen.

Vertrauen? Worin?

In die Technik?

In die Wissenschaft?

Nur wenn diese Technik und diese Wissenschaft kommerziellen Profit mit sich bringen?  

Haben wir Vertrauen in eine Menschheit, die posthumanistisch ist? In eine künstliche Intelligenz, die die menschliche Intelligenz übertrifft?

Kann man der Technik, der Wissenschaft vertrauen, wenn man „dem System“ nicht vertraut?

Kann man „dem System“ vertrauen, wenn man dem Menschen nicht vertraut?

Kann man dem Menschen vertrauen, wenn man der Transzendenz nicht vertraut?

Können wir behaupten, dass wir der Technik vertrauen, dem technischen, dem wissenschaftlichen Fortschritt?

Welche Technik? Welcher Fortschritt?

Die Technik und die Wissenschaft, die dazu führt, länger zu leben, Krankheiten zu stoppen? Und wer zahlt die Rente? Wer beschafft die notwendigen Lebensmittel? Müssen wir uns in Reptilien verwandeln, die sich mit Insekten ernähren? In Götter, die nichts anderes brauchen als Wein und Ambrosia?

Wäre es besser dem Geld zu vertrauen? Den Derivaten, den Aktien?

Wäre diese Theorie, die behauptet, dass jeder seine eigene Welt erschaffen kann, besser? Was für eine Theorie ist das? Ist das eine Theorie für Götter oder für psychiatrische Patienten? Trotzdem - das ist eine ziemlich verbreitete Theorie. Wenn jemand an sich selbst glaubt, wird er erfolgreich sein. Und neben diesem Stuhl des Selbstvertrauens befindet sich der Sessel der kollektiven Bewegungen.

Es gibt kein Vertrauen.

Es gibt den Wunsch, jung zu bleiben, ewig zu sein. Wozu, weißt man nicht. Das Leben für das Leben. Das Existierende als Symbol des nihilistischen Nichts.

Deshalb so viele Vitamine, so viele ästhetische Operationen, so viel „wahre“ Liebe ab 70 - und nach 40 Jahren Ehe; so viele Bücher über geistige Manipulationen, so viele Sammlungen über parallele Universen, so viel Misstrauen gegenüber Menschen, die den anderen nicht beleidigen, und so viele Beleidigungen gegenüber denen, die an etwas glauben.

Deshalb mein ehrlichster Respekt für alle die mit Zähnen und Klauen ihr Rudel verteidigen. Ich glaube, sie sind die Einzigen, die im Moment mein Vertrauen verdient haben.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 21.02.2021)

 

Verstehen und Nicht-verstehen

 

Hier gibt es zwei Elemente: das Subjekt, das versteht und das Objekt, das verstanden wird.

Das primäre Verständnis ist das von uns selbst. In Spanien sagt man, wenn man von niemanden mehr verstanden wird: „Yo me entiendo“. Ich verstehe mich selbst. Eine solche Antwort erinnert an Kierkegaards Vorstellung. Tatsächlich bedeutet dieses „ich verstehe mich selbst“, dass der Mensch, dessen Selbst nach Kierkegaard ein Verhältnis ist, nicht nur zu seiner eigenen Überzeugung steht, sondern noch mehr: er steht in einem harmonischen Verhältnis mit seinem ganzen Sein.

Umgekehrt, wenn jemand nicht weiß, was er will oder nicht will, und grundlos unzufrieden ist, sagt man von ihm: „No se aguanta ni él“. Noch nicht mal er selbst kann sich ertragen. „Aguantar“ bedeutet nicht nur jemanden ertragen, sondern auch etwas halten.  Dieser Satz bedeutet, dass das Verhältnis, das dieses Individuum mit sich selbst hat, gestört ist.

Diese beiden Beispiele zeigen wie komplex die Beziehung zwischen dem Subjekt, das etwas versteht und dem Objekt, das zu verstanden ist, sein kann.

Wir selbst sind als das Subjekt, der etwas versteht, nicht immer mit uns selbst einig.

Das ist manchmal ein Problem, wenn das zu Konfusion führt.

Trotzdem kann es auch ein Vorteil sein: wenn diese Konfusion uns dazu bringt das Objekt, dass zu verstehen ist, aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten und darüber einen Dialog mit dem anderen anzufangen.

Hier fangen nicht nur die individuelle Konfusion, sondern auch die wahren Konflikte an.

Die Behauptung „ich verstehe den anderen nicht“ bezieht sich in der Regel nicht an das Subjekt selbst, sondern auf das, was es meint. Es kann sein, dass wir seine persönlichen Umstände kennen wollen, um seine Haltung zu verstehen, aber nur als Hilfsmittel. Was von ihm nicht zu verstehen ist, ist nicht sein Inneres, sondern seine Äußerungen – Theorien oder Taten.

-          Es kann sein, dass das Problem, die Sprache ist: Falsche Übersetzung, zum Beispiel.

-          Es kann sein, dass ein und derselbe Begriff, verschiedene Bedeutungen hat. Zum Beispiel haben die Begriffe „Menschenrechte“ „Demokratie“ und „Rechtstaat“ in einer Diktatur nicht dieselbe Bedeutung, wie in einer liberalen Demokratie.

-          Einige Male ist eine Frage der Perspektive. Es kommt darauf an, welche Position der Subjekte haben. In die Gedichte der zehn blinden Männer, die einen Elefant examinieren ist es klar, dass der blinde Mann, der das Bein des Elefanten anfasst nicht den blinden Mann verstehen kann, dass der Schwanz anfasst. Das Ergebnis der erste ist, dass der Elefant das Stamm eines Baumes ist, während die Schlussfolgerung der andere ist, dass der Elefant ein Seil ist.

-          Andere Male ist eine Frage der Prioritäten. Zum Beispiel die Frage zwischen Freiheit und Sicherheit. Die Frage zwischen Abenteuer und Stabilität. Hier finden sich die Unverständlichkeit und Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Moralen und Wertsystemen.

-          Es kann sein, dass die Zäsur zwischen Verstehen/Nicht Verstehen aus Ungleiche Wissen und Kenntnissen entsteht. (Informationsassymetrien)

Auf all diese Ebenen, trotz aller Unterschiede, existiert entweder ein möglicher Dialog oder eine konzertierte Toleranz.

Wann wird aus die Beziehung Verstehen/ Nicht Verstehen eine Konfrontation?

Entweder wenn es eine Macht Situation gibt und jeder den anderen zu beherrschen versucht oder wenn jede von beiden denkt, dass er im Besitz der Wahrheit ist und sich gegenüber dem anderen um jeden Preis behaupten will, einfach weil er die Wahrheit endgültig verstanden hat.

In diesen zwei Fällen gibt es nichts zu verstehen. Das Höchste, dass jemand wie Hannah Arendt zu verstehen erreicht hat ist, dass das Böse nicht nur auf der metaphysischen Ebene existiert.

Vielleicht ist das schon viel zu verstehen.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 24.10.2021)

 

 

 

Vergeben

 

Vergeben hat vor allem mit sozialer Kohäsion zu tun. Das sieht man auch in den Evangelien (z.B. Mt. 5:24). Man soll aber berücksichtigen, dass in den alten Kulturen „sozialer Kohäsion“ mit der Kohäsion des Menschen mit sich selbst und mit der Kohäsion des Menschen mit dem Universum in Zusammenhang steht. (Zu diesem Thema würde ich die Lektüre „Ma`at“, des Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann empfehlen.)

Diese Kohäsion soll auch zwischen Generationen stattfinden, was ein großes Dilemma verursacht: Erben die Kinder die Sünden der Eltern – oder nicht? Aus der christlichen Perspektive betrachtet muss man sagen, dass die Bibel in dieser Hinsicht nicht klar ist.

Schon in den Büchern Moses finden sich beide Positionen.

„(…) Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen“ (2 Mo 20,5)

„Aber ihre Söhne tötete er nicht; denn so steht es geschrieben im Gesetz, im Buch des Moses, wo der HERR gebietet: Die Väter sollen nicht sterben für die Kinder und die Kinder nicht für die Väter, sondern ein jeder soll nur um seiner Sünde willen sterben.“ (5 Mo 24,16)

Diese Unsicherheit herrscht in der ganzen Bibel. Nur Hesekiel ist in diesem Punkt eindeutig:

„14 Wenn der dann aber einen Sohn zeugt, der alle diese Sünden sieht, die sein Vater tut – wenn er sie sieht und doch nicht so handelt (…) sondern meine Gebote hält und nach meinen Gesetzen lebt: Der soll nicht sterben um der Schuld seines Vaters willen, sondern soll am Leben bleiben. 18 Aber sein Vater, der Gewalt und Unrecht geübt und unter seinem Volk getan hat, was nicht taugt, siehe, der soll sterben um seiner Schuld willen. (…). 20 Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugutekommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen. (…) 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.“ (Hesekiel 18, 14-24)

Jesus Position ist extrem ähnlich zu der Hesekiels. Schuld ist allein individuell. Die Erlösung davon ist ebenfalls individuell. Genau das zeigt Jesus mit seinem Tod - eher als die gewöhnliche Interpretation seines Todes als Opfer zu kollektiver Erlösung von den Sünden. Anders als in der griechischen Mythologie – Orpheus, Demeter – geht niemand in das Reich der Toten, um sie zurückzuholen; in Jesus Fall noch nicht einmal Gott. Jeder geht allein in das Reich des Todes; und jeder kommt auch allein wieder daraus hervor.

Auch heute verursacht die Vergebung der Sünden der Vorfahren Kontroversen. Einige - die Zyniker - behaupten, dass sie keine Vergebung brauchen, weil die Sünden der Eltern nie stattgefunden haben. Andere - die modernen Inquisitoren, die Nachfolger von Paulus, die neuen Pharisäer, kurz: diese falschen Gerechten, die sich selbst als Gerechte ausrufen, die den Splitter in dem Auge des Bruders aber nicht den Balken in ihrem eigenen Auge sehen, (Mt. 7:3) - verurteilen den anderen als schuldig, nicht aber sich selbst. Sie akzeptieren noch nicht mal die Vergebung der Sünde nach der dritten Generation, weil sie die Sünde der Eltern als politische und sozial Machtwaffe benutzen. Schließlich, die Kinder, die die Sünden der Eltern erkannt haben, wollen sich von diesen Sünden nicht nur abwenden, sondern auch dem Schaden reparieren, den die Eltern verursacht haben. Sie arbeiten hart für das Gute, aber wegen der modernen Inquisitoren leben sie in einem ständigen Schuldgefühl. Sie finden keinen Frieden und keinen Trost in ihren guten Aktionen. Meiner Meinung nach ist die Gefahr groß, dass diese Kinder sich entweder in Zyniker, in Inquisitoren oder in Apathiker verwandeln.

Soll man alles vergeben? Soll man jedem vergeben? Jedenfalls zwei Sünden vergibt Jesus nicht. Erstens:  Zynismus. Der Zynismus verhindert, dass die Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse, Heilig und Profan sehen (z.B. die Händler, die in den Tempel Geschäfte treiben). Zweitens: die Hybris derer, die sich als Richter über Gut und Böse aufschwingen, statt sich um ihren eigenen Sünden und eigene Verbesserung zu kümmern. Jesus vergibt nicht jedem; nicht einmal am Kreuz hängend. Einem der Diebe an seiner Seite vergibt Er nicht, weil dieser Dieb ein Zyniker ist. Dessen Unfähigkeit, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen bedeutet, dass sein drittes Auge - das Herz - geschlossen ist. „Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ (Lukas 23,39) Der andere Dieb, dagegen sieh den Unterschied: „Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23,41)

 Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 19.01.2025)

 



Unsinn

 

Unsinn ist ein Begriff mit einer unbestimmten Bedeutung, der ein Phänomen, eine Handlung oder eine Meinung beschreibt.

Der Begriff „Unsinn“ ist unbestimmt, weil dieser Begriff nichts Konkretes über das Phänomen sagt. Aus der Bezeichnung eines Phänomens als „Unsinn“ lässt sich nicht schließen, ob es sich um die Ausnahme von normalen Verhalten handelt oder ob das Phänomen noch nicht erklärt ist. Ein Beispiel ist die Bahn der Planeten. Die Bahn der Planeten ergab keinen Sinn bis man entdeckte, dass ihre Bahn elliptisch und nicht kreisförmig ist. Ob ein Phänomen als „Unsinn“ oder „sinnvoll“ angesehen wird, hängt vom Wissen des Beobachters ab. In anderen Fällen hängt diese Qualifikation von der Position des Beobachters in Bezug auf das Phänomen ab; in wieder anderen Fällen von den Vorurteilen oder persönlichen Erwägungen des Beobachters.

Aus diesem Grund hat der Begriff „Unsinn“ ein zweites bestimmendes Element: die Subjektivität des Beobachters. Was jemand als „Unsinn“ bezeichnet, kann für jemand anderen Sinn ergeben.

Dieses Element der Subjektivität ermöglicht, den Begriff „Unsinn“ als Mittel zur Disqualifizierung der Beobachtungen, Schlussfolgerungen und Meinungen anderer zu verwenden.

Gerade aus diesem Grund können wir - zusammen mit den beiden anderen oben genannten Elementen (unbestimmt und subjektiv) - für den Begriff „Unsinn“ ein drittes Definitionsmerkmal hinzufügen: sein Einsatz als Machtinstrument eines einzelnen oder einer Gruppe gegenüber einem oder mehreren anderen.

Daher bin ich der Meinung, dass im Allgemeinen aber insbesondere in der Wissenschaft und in der Philosophie präzisere Begriffe verwendet werden sollten, unabhängig davon, ob wir ein Phänomen beschreiben oder die Handlungen und Meinungen anderer betrachten.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 08.Dezember 2024)

 

 

Unsicherheit

 Unsicherheit bedeutet die Unwissenheit sowie die Unbestimmtheit in Bezug zu einer Zeit, zu einem Ort oder zu einem Ereignis. Auf der Unmöglichkeit, ein klares Urteil erstellen zu können, ruhen die Unruhe und sogar die Angst, die die Unsicherheit erzeugen.

Es ist wichtig den Begriff „Unsicherheit“ von den Begriffen „Bedrohung“ und „Gefahr“ zu unterscheiden.

„Bedrohung“ meint ein mögliches konkretes Risiko. „Gefahr“ meint ein bevorstehendes konkretes Risiko. Der Begriff „Unsicherheit“ dagegen, enthält in Prinzip kein notwendiges Risiko in sich, sondern einfach nur die Unwissenheit über den Werdegang.

Kurz: während die Begriffe „Bedrohung“ und „Gefahr“ eine nüchterne Analyse der Situation benötigen, erfordert die Unwissenheit, die für den Begriff der „Unsicherheit“ wesentlich ist, zu ihrer Überbindung die Entwicklung des Wissens.

Dieses Wissen strebt zuerst immer nach der Wissenschaft und dem Lernen und dem Recherchieren. Man weißt nicht, ob die Erde eine Kugel oder flach ist. Der Schuler weiß nicht, ob die Französische Revolution in 1789 oder 1879 stattgefunden hat. Der Passagier weiß nicht, ob der Zug pünktlich oder unpünktlich ankommen wird. Der Mensch ist sich seiner selbst und seine Gefühle nicht sicher, und erforscht dann seine Seele. Der Mensch ist unsicher über das Wetter und er konsultiert den Wetterbericht.

Wenn aber die wissenschaftlichen Kenntnisse die Unsicherheit eines Individuums nicht beseitigen können, dann entwickelt der Mensch die sogenannten „Selbstverteidigungsmechanismen.“

Das heißt, der Mensch entfaltet Methoden, um aus dieser Unsicherheit entfliehen zu können.

Eine von diesen Strategien ist alles, was mit dem Aberglauben zu tun hat. Der Mensch befragt die Sterne, die Karten, die Göttern, die Steine, nach seinem eigenen Schicksal. Der König, der Regierungschef fragt den Magier und die Hexe, was die Zeichen über das, was er zu tun oder nicht zu tun hat sagen, oder ob er der Sieger im Krieg sein wird. Um die Götter zu überreden, bietet ihnen der Mensch Darbringungen und übt Magie. Die Magie ist der erste Versuch des Menschen die Unsicherheit über sein Schicksal auszuräumen.

Da die Zeichen aber auch unsicher sind, nimmt der Mensch die Kontrolle über sein eigenes Schicksal in die Hände: der Zeitpunkt seines Todes, der Zeitpunkt der Geburt seiner Kinder, die Geburt seiner Kinder und irgendwann möchte er der Kontrolle über seine ganze Existenz haben. So entsteht der „versicherte Mensch“: der Mensch, der für alles eine Versicherung hat: Krankheit, Feuer, Erdbeben, Bubenstreich…

Der moderne Mensch versucht die Unsicherheit über jede Kleinigkeit abschaffen, weil die Unsicherheit ein Synonym für Gefahr geworden ist. So dehnt sich das Verlangen nach Kontrolle aus, bis dieses Verlangen fast eine Obsession wird. Man sagt, dass die Straßen, wegen der Steigerung der Kriminalität unsicher sind. Eigentlich bedeutet hier „unsicher“ dasselbe wie „Bedrohung für die Sicherheit.“ Sie verlangen nach Kontrolle, weil jede Bewegung eine Drohung für die Sicherheit bedeutet oder bedeutet könnte; dies ist definitiv eine Deformation des Begriffes „Unsicherheit“: Man zeichnet Privatgespräche, falls es private Ärger gibt. Man steckt Überwachung-Kameras in die Kinderzimmer, um den Schlaf des Kleinkinds zu überwachen. Wohneigentümergemeinschaften installieren Überwachungskameras im Keller, um sicher zu sein welcher Nachbarn den Müll nicht in die richtige Mülltonne steckt. Man steckt Überwachungskameras in die eigene Wohnung, um in die Wohnung hineinzuschauen, wenn man in den Ferien ist.

So wird der Mensch nicht ein soziales Wesen, der in einer Gesellschaft lebt, sondern ein funktionales Wesen, das in einem System lebt, - in dem es keinen Raum für Überraschungen - gute oder schlechte - gibt.

Isabel Viñado

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk

Universalität und Diverstität

 

Es gibt ein Axiom, das die Existenz universeller Rechte beweist, unabhängig von Zeit, Raum und kulturellen Diversitäten.

Dieses Axiom lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Grenze meiner Rechte und Freiheit sind die Rechte und Freiheit des oder der anderen. Deshalb kann man die Existenz von Strafen und Freiheitsentzug in Gefängnissen rechtfertigen. Aber sogar in solchen Fällen darf man nicht vergessen, dass das universelle Axiom: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gilt. Daher muss man Folter immer verbieten, auch im Gefängnis; genauso wie die sogenannten „Berufsausbildungslager“, die in China in Xinjang als vorgeblich präventive Maßnahme gegen Terrorakte errichten worden sind. Ebenso verletzen Kinderarbeit, die der Person die Möglichkeit der Bildung nimmt, Rassismus und Verbote, die nur das Individuum selbst betreffen, wie die Geschlechtsbestimmung die Würde der Menschen. Ebenso muss die Einschränkung der Meinungs- und Bewegungsfreiheit eine Grundlage haben, die respektiert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Die Realität drängt sich jedoch auf und wir werden ständig Zeugen ungerechter Handlungen. Ungerechtigkeiten setzen bestimmte Reaktionskräfte in Gang. Die Analyse solcher Kräfte ist das, was ich hier vorhabe, obwohl sie aufgrund unseres Formats äußerst kurz ist.

1. Die Würde einer Person oder Personengruppe wird verletzt.

Zwei Dinge können passieren. Entweder wird die Verletzung des universellen Axioms anerkannt und das Gleichgewicht wiederhergestellt. Oder diese Ungerechtigkeit wird nicht anerkannt.

Im letzteren Fall beginnt ein Kampf, um das verletzte universelle Recht wiederherzustellen.

 

2. Mobilisierung.

Die vorherrschende Gruppe will den "Status quo" aufrechterhalten; zum Beispiel, indem der Protestierer oder die Protestierenden lächerlich gemacht werden. Ihnen wird im Einzelfall Eifersucht vorgeworfen oder Randalierer und Revolutionäre zu sein, wenn es sich um eine Gruppe handelt. Ungerechtigkeit wird bagatellisiert, lächerlich gemacht und man wird ihnen vorwerfen, alles zu ernst zu nehmen oder zu empfindlich zu sein. Es werden „weiche“ Unterdrückungsstrategien wie Unachtsamkeit, Gaslighting, die Spiegelstrategie, oder „harte“ Gewaltunterdrückungsmethoden verwendet.

Das Individuum oder die Gruppe, die unter Ungerechtigkeit leiden, versucht Verbündete und Anwälte zu finden.

Wiedermal können hier zwei Sachen passieren. Der Kampf ist erfolgreich und die Ansprüche werden endlich anerkannt. Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.

Oder der Kampf der Opfer ist nicht erfolgreich. Hier besteht nicht mehr nur eine Situation der Ungerechtigkeit. Weil es schon eine Mobilisierung in der Gesellschaft gegeben hat (Verbündete und Anwälte) entsteht, was der „Status Quo“ "Ressentiments" nennt, und diejenigen, die unter der Verletzung ihrer Würden leiden, "Durst nach Gerechtigkeit" nennen.

 

3. Erscheinung der Bewegungen

Nicht nur die ungelöste Ungerechtigkeit provoziert die Entstehung dessen, was man "Bewegungen" nennt. Auch der Erfolg bei der Wiederherstellung der verletzten Würde kann das Phänomen einer Bewegung erzeugen.

Ob es sich um ein einzelnes Individuum oder um eine Gruppe handelt, das wesentliche Merkmal der Bewegung ist, dass sie nicht nur Verteidiger oder Personen sucht, die ihre Ansprüche teilen, - wie es bei der Mobilisierung geschehen ist -, sondern "das Bewusstsein zu wecken". Das ist eigentlich ihr letztes Ziel, so dass es in der ersten Linie nicht darum geht, die Situation der verletzten Würde zu korrigieren, sondern eine relevantere Rolle in der Gesellschaft zu erreichen. Es geht nicht mehr nur darum, den verletzten Achtungsanspruch wiederherzustellen, sondern vor allem, ihre Position und Resonanz in der Gesellschaft zu verbessern. Mit der Erscheinung der Bewegungen beginnt der Kampf um die Etablierung der Identitätsrechte der Gruppe. Dies impliziert den Beginn eines Kampfes, der nicht mehr auf dem Gebiet der universellen Rechte stattfindet, sondern auf dem Gebiet der besonderen Rechte eine partikuläre Gruppe. Das heißt: im Bereich der Macht unter rivalisierenden Gruppen mit ihren jeweiligen Achtungsansprüchen.

 

4. Verbesserung der Bedingungen

Der Erfolg der Bewegungen bei der Verbesserung der Bedingungen ihrer Identitätsrechte setzt den Wunsch voraus, weiterzukämpfen, um mehr Rechte zu erwerben, die sie vorher nicht hatten, oder diejenigen, die sie bereits hatten, auszuweiten. Die egalitären Gesellschaften etablieren zum Beispiel Quoten in der politischen und wirtschaftlichen Repräsentanz oder führen Ermäßigungstarife für die ökonomisch schwächsten Gruppen ein. Seltsamerweise geschieht dies auch in Gesellschaften, in denen bestimmte Gruppen vorherrschen. Dort sind die elitärsten Gruppen diejenige, die von Steuern und Abgaben befreit sind und den höchsten Grad an Repräsentanz haben.

 

5. Wenn die Bewegung erfolgreich ist, können drei Dinge geschehen:

a) Die Bewegung bewahrt und anerkennt universelle Rechte und erreicht das in der Gesellschaft verlorene Gleichgewicht.

b) Die Bewegung behält ihre Vorrechte in Bezug auf die Vielfalt anderer Gruppen wie den sozialen Frieden. In diesem Fall wird Toleranz zu einem Pakt der gegenseitigen Nichtaggression.

c) Die Bewegung gewinnt an Macht und initiiert Unterdrückung von Individuen außerhalb dieser Bewegung. Die universellen Rechte werden verletzt und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Fazit: Was manche - wie Carl Schmitt – „die Tyrannei der Werte“ nennen, ist nicht die Tyrannei der universellen Rechte, sondern die Tyrannei der Rechte von bestimmten Gruppen, die immer im Kampf um die Erlangung der Macht liegen. Deshalb versuchen sie ihre eigenen Ansprüche als universelle Rechte geltend zu machen, während sie gleichzeitig die Universalität der Rechte der anderen verneinen. Es ist ein Kampf der bestimmten Rechte der einen gegen die bestimmten Rechte der anderen, wobei jede Bewegung das Banner des universellen Rechts führt, um Druck auf den Rest auszuüben.

Auf diese Weise scheint ein Kampf für universelle Rechte geführt zu werden, der eigentlich ein falscher Kampf ist. Die Schlussfolgerung von einem solchen Kampf erweckt jedoch den Eindruck, dass universelle Rechte nicht existieren, was auch falsch ist.

Das alles zu vergessen und jede Bewegung zu unterstützen, die die universellen Rechte zu verteidigen behauptet, während sie gleichzeitig die Flagge ihrer besonderen Ansprüche schwenkt, verursacht kurz - oder langfristig große Kopfschmerzen für jede Gesellschaft, die etwas auf sich hält.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 15 Januar 2023)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Umgang mit den Unbestimmten

 

Kann man eigentlich den Umgang mit dem Unbestimmten beherrschen?  Ist das nicht eher ein Traum, sogar eine Zumutung? Was genau meinen wir mit dem Gebrauch eines Wortes mit dem negativen Präfix „Un“?  Weist das auf eine Gefahr? Eher auf eine Herausforderung? Ist das „Unbestimmte“ etwas, dass wir mit unserer Kraft, Freiheit und Entschlossenheit „bestimmen“ können?

Untersuchen wir das Gegenwort: „das Bestimmte“. Was bedeutet dieser Begriff? In Prinzip, sieht die Antwort einfach aus: „das Bestimmte“ kommt von „bestimmen“, und „bestimmen“ bedeutet „feststellen“, „entscheiden“, sogar „einordnen“.

„Be- stimmen“ ist also mit „Stimme“, mit „Klang“, mit „Laut“ verbunden. „Etwas stimmt“ heißt etwas ist wahr, etwas ist fehlerfrei. „In „Stimmung“ zu sein“, lebendig, fröhlich zu sein. 

So gesehen ist „das Unbestimmte“ lautlos, schweigsam, tot, unglücklich und hat zum Beispiel nichts gemeinsames mit „Mystik“, weil sich Gott in dem mystischen Moment mit dem Klang der Gefühle dem Menschen nährt. „Das Unbestimmte“ ist weder vergleichbar mit dem „Unbekannten“, dessen Existenz, weil wir sie ignorieren uns Bedeutungslos erscheint, noch mit dem „Unbekannten“, dessen Realität uns durch die Effekte, die sie provoziert, schon bekannt ist.

Auf Deutsch, bedeutet „das Unbestimmte“ etwas ohne Stimme, ohne Klang. Kurz: etwas ohne Laut. Es ist ein schöner Begriff. Viel schöner, weil es viel tiefer, viel tragischer ist als diese englische Übersetzung: „indefinite“, „undesignated“ „undetermined“. Man hört „indefinite“ und man denkt, dass das Problem mit den Mauern der Orthodoxie lösbar ist. Oder vielleicht mit der Mauer der Gesellschaft, oder mit denen der Technik, oder der Digitalisierung.

Aber wie kann man den Umgang mit etwas, das keinen Laut hat, beherrschen? In der Stille spricht das Herz. Was, wenn noch nicht mal das Herz spricht? Viele Leute sagen von sich selbst, dass sie „ihrer“ Bestimmung folgen. Als ob diese Bestimmung, der Befehl eines unbestimmten Himmels wäre. „Unbestimmter Himmel“, weil diese Leute, die ihre Bestimmung mit so viel Vertrauen annehmen, behaupten, an keinen bestimmten Gott zu glauben. Diese Leute glauben nicht an Gott, aber sie glauben an eine unbestimmte universale Macht, die ihr Schicksal bestimmt. Das Problem: Wie kann man ohne Stimme, bestimmen? Wie kann das Unbestimmte, bestimmen?

Gott schafft, wenn Er spricht. Die Welt und der Mensch, fängt mit der Stimme Gottes, mit dem Gotteslaut an. Das Unbestimmte ist das Nichts vor der Schaffung.

Der Umgang mit dem Unbestimmten ist der Umgang mit dem „Nichts“, mit der ewigen Leere. Es ist der Umgang mit dem reinen Nihilismus. Nur mit der Stimme, mit dem Verb, kann man das Unbestimmte beherrschen.  Verb ist die Vereinigung, die Verschmelzung von Tat und Wort, von Natur und Geist. „Am Anfang war das Verb“. Es gibt eine dritte Bedingung: aus sich selbst herauszugehen. Gott, das Absolut, will nicht mehr in sich selbst bleiben. Er will nach draußen, schaffen, sich ausfalten, zurückkehren. Die ganze hermetische, idealistische Philosophie, auch die von Schelling, besteht darauf: Gott will nicht mehr in sich selbst bleiben. Gott schafft, was er liebt.

Lieben wir, was wir schaffen?

Haben unsere Worte und Taten eine verschmolzene Stimme, oder sind sie nur „Deutungen“?

Ist die Krise der Kultur, die Krise des Sinns des modernen Lebens, die Konsequenz des Absturzes in die Höhle des Unbestimmten? Ist die Beziehung zwischen dem, was wir schaffen, dem, was wir lieben, dem, was wir machen und dem was wir sagen stimmlos, lautlos geblieben?

Isabel Viñado

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 02.Februar 2020)

 

Sünde

 

Als Gott die Welt erschuf stellte er fest, dass sie „gut“ war. Von „perfekt“ sagte er nichts. Das ist verständlich, da Perfektion die Abwesenheit von Bewegung impliziert. Daher ist die parmenideische Welt mit Zenos Paradoxien verbunden.  In einer Welt, die sich bewegt, ist Perfektion nicht möglich; jedoch das Gute und das Böse und damit das Heilige und die Sünde.

Wie bereits Heraklit richtig gesehen hat, ist der Weg (der Logos) nach oben und nach unten ein und derselbe. Der Weg-Logos ist in der Tat eins. Die Richtung dagegen nicht.

In diesem Sinne ist die Sünde dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Bewegung ist, die die Richtung verlässt, die nach oben führt, um der Richtung nach unten zu folgen. Die Aufwärtsrichtung ist eine Konstruktionsrichtung und ist an das positive Absolute gebunden. Die Abwärtsrichtung impliziert Zerstörung und führt zum negativ Absoluten.

Dem Gedanken von Heraklit folgend, können wir daraus schließen, dass die Oben- Unten-POSITION dem Gesetz der Korrespondenz folgt und daher gleichsam ein SPIEGEL ist. Dem gegenüber folgt die Oben- Unten-RICHTUNG dem Gesetz der Gegensätze und ist daher gleichsam das NEGATIV einer FOTOGRAFIE. Genau hier - in dem Feld der Richtung - taucht der Begriff der "Sünde" auf. Das bedeutet nicht einfach eine Trennung, sondern eine Umkehrung der Pole des Absoluten. In dieser Umkehrung liegt die Übertretung.

Daraus ergeben sich zwei Fragen:

1. Was oder wer ist das positive Absolute, von dem man sich trennt und gegen das man sündigt?

2. Ist es möglich, dass jemand, der sich nicht bewusst ist, dass er sündigt, sündigt?

In Bezug auf die erste Frage ist es wichtig zu erkennen, dass es in jeder Gesellschaft, auch in denen, die sich selbst als materialistisch, nihilistisch und atheistisch betrachten, Gebote gibt, die als "heilig" angesehen werden und eingehalten werden müssen, obwohl sie nicht in den juristischen Gesetzen enthalten sind. Dies erfordert die Beachtung bestimmter Verhaltensweisen sowie das Verbot und die Selbstzensur anderer Verhaltensweisen.

In Bezug auf die zweite Frage müssen wir uns darauf einigen, dass nur derjenige sündigt, der sich der Sünde bewusst ist. Wie erlangt das Individuum dieses Bewusstsein?

Es gibt zwei Möglichkeiten.

Ein Weg führt über die Erziehung, die das Individuum in der religiösen Gruppe und in seiner Gesellschaft erhält und lernt.

Ein anderer Weg führt über sich selbst. Das Individuum legt für sich selbst (und vielleicht auch für seine Gruppe) eine Reihe von Geboten fest, die es für obligatorisch hält. Es kann vorkommen, dass dieses Individuum, das nach seinen privaten, persönlichen und autonomen Überzeugungen handelt, sogar seiner eigenen Religion und Gesellschaft gegenübersteht; und es kann auch sein, dass diese Konfrontation es entweder zum Ketzer oder zum Gründer einer neuen Religion macht.

Der Sünde wohnen die Begriffe "Bestrafung", "Reue" und "Erlösung" inne.

Bestrafung kann von der Gesellschaft und von der Religion, der das Individuum angehört, oder vom positiv Absoluten verhängt werden.

Im Falle der hinduistischen Religion zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass Sünde bedeutet, dem Rad des Leidens durch Reinkarnation zu folgen und somit in diesem neuen Leben – und in dieser Gesellschaft – die Strafe für die im vorherigen Leben begangenen Sünden zu büßen.

Für das Christentum bedeutet Bestrafung den ewigen Abstieg in das negativ Absolute. Ungeachtet dessen, was historisch von der Kirche gepredigt wurde, ist das Christentum jedoch keine Religion der Sünder, sondern der Auferstandenen. Matthäus 9:13 „Geht aber hin und lernt, was das heißt: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“

Das Christentum zeigt, dass der Mensch sich selbst aus dem negativ Absoluten (Hölle) befreien kann, und dies mit keiner anderen Hilfe als der seines Glaubens an dieses positive Absolute (Gott). Und zwar nicht, um in den Himmel zu kommen, sondern, wie wir in den Evangelien lesen, um in das irdische Hier und Jetzt zurückzukehren.

Deshalb ist im Christentum das Bewusstsein, gesündigt zu haben, und der Wunsch, wieder in Richtung des positiv Absoluten zu gehen, grundlegender als die Strafe. Deshalb kann man von einer „spirituellen Alchemie“ und Auferstehung sprechen.

In unserer heutigen Gesellschaft sind Sünden, die als "christlich" gelten, „abgeschafft“ worden. Zum Beispiel wurde Völlerei durch Formeln wie "Eat as much as you can" und XXL-Snacks und Videos, in denen junge Leute in einem Raum erscheinen, um zu zeigen, wie viel sie essen können, ersetzt.

Es sind jedoch andere Sünden aufgetaucht, die der Einzelne vermeiden muss, um die daraus resultierende soziale Bestrafung oder die Pflicht, seine Reue öffentlich zu zeigen, zu vermeiden. In Bezug auf nihilistische Gesellschaften, für die das Nichts das positive Absolute darstellt, wird jede Linie oder Position, die sich mit der Zeit verlängert, als Sünde angesehen, weil das Grundlegende nicht darin besteht, sich selbst zu definieren.

Doch heute wie gestern, gestern wie morgen ist das größte Problem der Sünde nicht so sehr die Sünde oder der Sünder, sondern die »Jäger« der Sünder, die ebenso gefühlsduselige wie manipulative und zerstörerische Phantasmagorien in die Gesellschaft einführen.

Meiner Meinung nach reicht es aus, dafür zu sorgen, dass die irdischen Gesetze gerecht sind und die Richter richtig Recht sprechen. Lassen wir, wie Kant riet, jeden seinem eigenen kategorischen Imperativen folgen und lassen wir, wie Luther sagte, dass das positiv Absolute die Gerechtigkeit erst am Ende aller Zeiten diktiert.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 14.Mai 2023)