Die
Würde ist das erste Axiom, auf dem die grundlegenden Menschenrechte basieren. Einige
Autoren, die aus der jüdisch-christlichen Perspektive arbeiten, behaupten, dass
der Mensch Würde hat, weil er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Im
Gegensatz zur sumerischen Religionstradition, in der der Mensch in der
Sklaverei der sumerischen Götter lebte. Meiner Meinung nach ist diese Erklärung
aus zwei Gründen unzutreffend. Erstens: Das Geschaffen-werden nach dem Ebenbild
Gottes verleiht dem Menschen die Herrschaft über die anderen Spezies, nicht die
Würde. Zweitens: Obwohl von einer jüdisch-christlichen Tradition gesprochen
werden kann, ist es mir wichtig zu betonen, dass dies in diesem Fall nicht möglich
ist. In der jüdischen Welt wird die Heiligkeit der Würde kollektiv (Spezies und
Gattung) vermittelt. Deshalb bestraft Gott im Alten Testament die Gemeinschaft
- Sodom und Gomorra, tötet die Erstgeborenen der Ägypter, befiehlt die
Niederlagen in den Kriegen. Selbst wenn Gott bei diesen kollektiven Strafen
einen bestimmten Menschen rettet, Noah, Hiob, sind solche Individuen in
Wirklichkeit Vertreter der Menschheit. Mit ihrer Rettung vergibt Gott der
Menschheit. Gott rettet die Gemeinschaft - das Gelobte Land, Siege in den
Kriegen.
Im
Christentum hingegen gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Gott und
dem Menschen, zwischen dem Absoluten und dem Konkreten, zwischen dem
Universellen und dem Besonderen. Im Christentum ist der Mensch ein Universelles,
das sich konkretisiert hat. Genauso wie das Absolute, nämlich Gott, sich in
Jesus konkretisiert hat. Gerettet oder verdammt wird das Individuum. Das
jüdische Volk wandert als Kollektiv vierzig Jahre lang in der Wüste. Das
jüdische Volk tanzt gemeinsam um Baal. Jesus verbringt allein, einsam, als
Individuum vierzig Tage in der Wüste. Er, und nur er, ist derjenige, der der
Versuchung widersteht, kämpft und schließlich siegt. Der Parallelismus zwischen
beiden Situationen ist spürbar. Der Unterschied auch. Der gute Dieb wird
gerettet und der schlechte Dieb wird verdammt, jeder nach seinen Taten.
Was
meiner Meinung nach dem Menschen die Würde verleiht, sind zwei Elemente. Das
erste ist, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde. In diesem
Zusammenhang sind auch die Tiere heilig: aus demselben Grund. Tiere, ebenso wie
Pflanzen, ebenso wie der Mensch, erlangen ihre heilige Würde, weil sie
Geschöpfe Gottes sind. Das Leben eines anderen Lebewesens anzugreifen,
bedeutet, sich gegen die Schöpfung Gottes aufzulehnen.
Das
zweite Element ist das Gebot der "Nächstenliebe". Aus
der Sicht des Christentums verliert die Figur des Nächsten ihre Gültigkeit,
wenn sie als universell betrachtet wird. Das Christentum - das müssen wir immer
im Hinterkopf behalten - bedeutet die Konkretisierung des Absoluten. Maria,
Martha, Lazarus, Maria Magdalena, die Samariterin, Petrus, Johannes, Thomas und
Pilatus – sie alle sind konkrete Frauen und Männer, mit denen Jesus isst,
spricht und des Weges geht. Jesus dient dem Nächsten aus Fleisch und Blut, der
ihm gegenübersteht.
So
betrachtet beginnt die Individualisierung des Menschen im Christentum, nicht in
der Aufklärung. In der Aufklärung nimmt die Individualisierung des Menschen die
Form von Gesetzen an. Daher verteidigt die Individualität einerseits ihre
Rechte, wird aber durch die rechtliche Form entpersonalisiert. Der Ausdruck
"jeder Mensch" wird so zu einem bloßen Ausdruck, der so inhaltsleer
ist wie der Ausdruck "Nächstenliebe". Das heißt, was Konkretisierung
des Absoluten ist, wird universalisiert, aber es wird nur universalisiert, ohne
dass sich die Verwandlung in das Absolute vollzieht, denn in diesem Moment ist
das erste Axiom der Mensch selbst. Der Ausdruck "Würde" wird in der
Aufklärung sowohl der Heiligkeit als auch der Konkretisierung beraubt. Dennoch
bleibt sie juristisch betrachtet gesichert.
In
unseren Zeiten gibt es eine Inflation von gottlosen Begriffen wie Empathie,
Solidarität usw., eingeführt von so unpersönlichen Kollektiven wie den
universellen Aufklärern.
Weder die Arbeit noch die
guten Taten noch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv vermitteln uns
Würde. All dies sind Facetten unseres Lebens, die unsere Entwicklung als Mensch
in der Gesellschaft reflektieren.
Die Würde des Menschen –
mit Gott oder ohne Gott – ist untrennbar von der reinen Existenz eines jeden
Menschen. Darauf beruht das Postulat der Unantastbarkeit der Würde: Wer die Würde
angreift, greift die Existenz an.
Isabel
Viñado Gascón
(Dieser
Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 10 November 2024)
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