Samstag, 14. Februar 2026

Die Würde

 

Die Würde ist das erste Axiom, auf dem die grundlegenden Menschenrechte basieren. Einige Autoren, die aus der jüdisch-christlichen Perspektive arbeiten, behaupten, dass der Mensch Würde hat, weil er nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Im Gegensatz zur sumerischen Religionstradition, in der der Mensch in der Sklaverei der sumerischen Götter lebte. Meiner Meinung nach ist diese Erklärung aus zwei Gründen unzutreffend. Erstens: Das Geschaffen-werden nach dem Ebenbild Gottes verleiht dem Menschen die Herrschaft über die anderen Spezies, nicht die Würde. Zweitens: Obwohl von einer jüdisch-christlichen Tradition gesprochen werden kann, ist es mir wichtig zu betonen, dass dies in diesem Fall nicht möglich ist. In der jüdischen Welt wird die Heiligkeit der Würde kollektiv (Spezies und Gattung) vermittelt. Deshalb bestraft Gott im Alten Testament die Gemeinschaft - Sodom und Gomorra, tötet die Erstgeborenen der Ägypter, befiehlt die Niederlagen in den Kriegen. Selbst wenn Gott bei diesen kollektiven Strafen einen bestimmten Menschen rettet, Noah, Hiob, sind solche Individuen in Wirklichkeit Vertreter der Menschheit. Mit ihrer Rettung vergibt Gott der Menschheit. Gott rettet die Gemeinschaft - das Gelobte Land, Siege in den Kriegen.

Im Christentum hingegen gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Absoluten und dem Konkreten, zwischen dem Universellen und dem Besonderen. Im Christentum ist der Mensch ein Universelles, das sich konkretisiert hat. Genauso wie das Absolute, nämlich Gott, sich in Jesus konkretisiert hat. Gerettet oder verdammt wird das Individuum. Das jüdische Volk wandert als Kollektiv vierzig Jahre lang in der Wüste. Das jüdische Volk tanzt gemeinsam um Baal. Jesus verbringt allein, einsam, als Individuum vierzig Tage in der Wüste. Er, und nur er, ist derjenige, der der Versuchung widersteht, kämpft und schließlich siegt. Der Parallelismus zwischen beiden Situationen ist spürbar. Der Unterschied auch. Der gute Dieb wird gerettet und der schlechte Dieb wird verdammt, jeder nach seinen Taten.

Was meiner Meinung nach dem Menschen die Würde verleiht, sind zwei Elemente. Das erste ist, dass der Mensch von Gott geschaffen wurde. In diesem Zusammenhang sind auch die Tiere heilig: aus demselben Grund. Tiere, ebenso wie Pflanzen, ebenso wie der Mensch, erlangen ihre heilige Würde, weil sie Geschöpfe Gottes sind. Das Leben eines anderen Lebewesens anzugreifen, bedeutet, sich gegen die Schöpfung Gottes aufzulehnen.

Das zweite Element ist das Gebot der "Nächstenliebe". Aus der Sicht des Christentums verliert die Figur des Nächsten ihre Gültigkeit, wenn sie als universell betrachtet wird. Das Christentum - das müssen wir immer im Hinterkopf behalten - bedeutet die Konkretisierung des Absoluten. Maria, Martha, Lazarus, Maria Magdalena, die Samariterin, Petrus, Johannes, Thomas und Pilatus – sie alle sind konkrete Frauen und Männer, mit denen Jesus isst, spricht und des Weges geht. Jesus dient dem Nächsten aus Fleisch und Blut, der ihm gegenübersteht.

So betrachtet beginnt die Individualisierung des Menschen im Christentum, nicht in der Aufklärung. In der Aufklärung nimmt die Individualisierung des Menschen die Form von Gesetzen an. Daher verteidigt die Individualität einerseits ihre Rechte, wird aber durch die rechtliche Form entpersonalisiert. Der Ausdruck "jeder Mensch" wird so zu einem bloßen Ausdruck, der so inhaltsleer ist wie der Ausdruck "Nächstenliebe". Das heißt, was Konkretisierung des Absoluten ist, wird universalisiert, aber es wird nur universalisiert, ohne dass sich die Verwandlung in das Absolute vollzieht, denn in diesem Moment ist das erste Axiom der Mensch selbst. Der Ausdruck "Würde" wird in der Aufklärung sowohl der Heiligkeit als auch der Konkretisierung beraubt. Dennoch bleibt sie juristisch betrachtet gesichert.

In unseren Zeiten gibt es eine Inflation von gottlosen Begriffen wie Empathie, Solidarität usw., eingeführt von so unpersönlichen Kollektiven wie den universellen Aufklärern.

Weder die Arbeit noch die guten Taten noch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kollektiv vermitteln uns Würde. All dies sind Facetten unseres Lebens, die unsere Entwicklung als Mensch in der Gesellschaft reflektieren.

Die Würde des Menschen – mit Gott oder ohne Gott – ist untrennbar von der reinen Existenz eines jeden Menschen. Darauf beruht das Postulat der Unantastbarkeit der Würde: Wer die Würde angreift, greift die Existenz an.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 10 November 2024)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.