Kann
man eigentlich den Umgang mit dem Unbestimmten beherrschen? Ist das nicht eher ein Traum, sogar eine
Zumutung? Was genau meinen wir mit dem Gebrauch eines Wortes mit dem negativen
Präfix „Un“? Weist das auf eine Gefahr?
Eher auf eine Herausforderung? Ist das „Unbestimmte“ etwas, dass wir mit unserer
Kraft, Freiheit und Entschlossenheit „bestimmen“ können?
Untersuchen
wir das Gegenwort: „das Bestimmte“. Was bedeutet dieser Begriff? In Prinzip,
sieht die Antwort einfach aus: „das Bestimmte“ kommt von „bestimmen“, und „bestimmen“
bedeutet „feststellen“, „entscheiden“, sogar „einordnen“.
„Be-
stimmen“ ist also mit „Stimme“, mit „Klang“, mit „Laut“ verbunden. „Etwas
stimmt“ heißt etwas ist wahr, etwas ist fehlerfrei. „In „Stimmung“ zu sein“,
lebendig, fröhlich zu sein.
So
gesehen ist „das Unbestimmte“ lautlos, schweigsam, tot, unglücklich und hat zum
Beispiel nichts gemeinsames mit „Mystik“, weil sich Gott in dem mystischen
Moment mit dem Klang der Gefühle dem Menschen nährt. „Das Unbestimmte“
ist weder vergleichbar mit dem „Unbekannten“, dessen Existenz, weil wir sie
ignorieren uns Bedeutungslos erscheint, noch mit dem „Unbekannten“, dessen
Realität uns durch die Effekte, die sie provoziert, schon bekannt ist.
Auf Deutsch,
bedeutet „das Unbestimmte“ etwas ohne Stimme, ohne Klang. Kurz: etwas ohne Laut.
Es ist ein schöner Begriff. Viel schöner, weil es viel tiefer, viel tragischer ist
als diese englische Übersetzung: „indefinite“, „undesignated“ „undetermined“.
Man hört „indefinite“ und man denkt, dass das Problem mit den Mauern der
Orthodoxie lösbar ist. Oder vielleicht mit der Mauer der Gesellschaft, oder mit
denen der Technik, oder der Digitalisierung.
Aber
wie kann man den Umgang mit etwas, das keinen Laut hat, beherrschen? In der
Stille spricht das Herz. Was, wenn noch nicht mal das Herz spricht? Viele Leute
sagen von sich selbst, dass sie „ihrer“ Bestimmung folgen. Als ob diese
Bestimmung, der Befehl eines unbestimmten Himmels wäre. „Unbestimmter Himmel“,
weil diese Leute, die ihre Bestimmung mit so viel Vertrauen annehmen, behaupten,
an keinen bestimmten Gott zu glauben. Diese Leute glauben nicht an Gott, aber
sie glauben an eine unbestimmte universale Macht, die ihr Schicksal bestimmt. Das
Problem: Wie kann man ohne Stimme, bestimmen? Wie kann das Unbestimmte,
bestimmen?
Gott
schafft, wenn Er spricht. Die Welt und der Mensch, fängt mit der Stimme Gottes,
mit dem Gotteslaut an. Das Unbestimmte ist das Nichts vor der Schaffung.
Der
Umgang mit dem Unbestimmten ist der Umgang mit dem „Nichts“, mit der ewigen Leere.
Es ist der Umgang mit dem reinen Nihilismus. Nur mit der Stimme, mit dem Verb,
kann man das Unbestimmte beherrschen. Verb
ist die Vereinigung, die Verschmelzung von Tat und Wort, von Natur und Geist.
„Am Anfang war das Verb“. Es gibt eine dritte Bedingung: aus sich selbst herauszugehen.
Gott, das Absolut, will nicht mehr in sich selbst bleiben. Er will nach
draußen, schaffen, sich ausfalten, zurückkehren. Die ganze hermetische,
idealistische Philosophie, auch die von Schelling, besteht darauf: Gott will
nicht mehr in sich selbst bleiben. Gott schafft, was er liebt.
Lieben
wir, was wir schaffen?
Haben
unsere Worte und Taten eine verschmolzene Stimme, oder sind sie nur
„Deutungen“?
Ist die
Krise der Kultur, die Krise des Sinns des modernen Lebens, die Konsequenz des
Absturzes in die Höhle des Unbestimmten? Ist die Beziehung zwischen dem, was
wir schaffen, dem, was wir lieben, dem, was wir machen und dem was wir sagen
stimmlos, lautlos geblieben?
Isabel
Viñado
(Dieser
Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 02.Februar 2020)
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