Als
Gott die Welt erschuf stellte er fest, dass sie „gut“ war. Von „perfekt“ sagte
er nichts. Das ist verständlich, da Perfektion die Abwesenheit von Bewegung impliziert.
Daher ist die parmenideische Welt mit Zenos Paradoxien verbunden. In einer Welt, die sich bewegt, ist
Perfektion nicht möglich; jedoch das Gute und das Böse und damit das Heilige
und die Sünde.
Wie bereits Heraklit
richtig gesehen hat, ist der Weg (der Logos) nach oben und nach unten ein und
derselbe. Der Weg-Logos ist in der Tat eins. Die Richtung dagegen nicht.
In
diesem Sinne ist die Sünde dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Bewegung ist,
die die Richtung verlässt, die nach oben führt, um der Richtung nach unten zu
folgen. Die Aufwärtsrichtung ist eine Konstruktionsrichtung und ist an das positive
Absolute gebunden. Die Abwärtsrichtung impliziert Zerstörung und führt zum negativ
Absoluten.
Dem Gedanken von Heraklit
folgend, können wir daraus schließen, dass die Oben- Unten-POSITION dem Gesetz
der Korrespondenz folgt und daher gleichsam ein SPIEGEL ist. Dem gegenüber
folgt die Oben- Unten-RICHTUNG dem Gesetz der Gegensätze und ist daher gleichsam
das NEGATIV einer FOTOGRAFIE. Genau hier - in dem Feld der Richtung - taucht
der Begriff der "Sünde" auf. Das bedeutet nicht einfach eine
Trennung, sondern eine Umkehrung der Pole des Absoluten. In dieser Umkehrung
liegt die Übertretung.
Daraus ergeben sich zwei
Fragen:
1. Was oder wer ist das positive
Absolute, von dem man sich trennt und gegen das man sündigt?
2. Ist es möglich, dass
jemand, der sich nicht bewusst ist, dass er sündigt, sündigt?
In Bezug auf die erste
Frage ist es wichtig zu erkennen, dass es in jeder Gesellschaft, auch in denen,
die sich selbst als materialistisch, nihilistisch und atheistisch betrachten,
Gebote gibt, die als "heilig" angesehen werden und eingehalten werden
müssen, obwohl sie nicht in den juristischen Gesetzen enthalten sind. Dies
erfordert die Beachtung bestimmter Verhaltensweisen sowie das Verbot und die
Selbstzensur anderer Verhaltensweisen.
In Bezug auf die zweite
Frage müssen wir uns darauf einigen, dass nur derjenige sündigt, der sich der
Sünde bewusst ist. Wie erlangt das Individuum dieses Bewusstsein?
Es gibt zwei
Möglichkeiten.
Ein Weg führt über die
Erziehung, die das Individuum in der religiösen Gruppe und in seiner
Gesellschaft erhält und lernt.
Ein anderer Weg führt
über sich selbst. Das Individuum legt für sich selbst (und vielleicht auch für
seine Gruppe) eine Reihe von Geboten fest, die es für obligatorisch hält. Es
kann vorkommen, dass dieses Individuum, das nach seinen privaten, persönlichen
und autonomen Überzeugungen handelt, sogar seiner eigenen Religion und
Gesellschaft gegenübersteht; und es kann auch sein, dass diese Konfrontation es
entweder zum Ketzer oder zum Gründer einer neuen Religion macht.
Der
Sünde wohnen die Begriffe "Bestrafung", "Reue" und
"Erlösung" inne.
Bestrafung
kann von der Gesellschaft und von der Religion, der das Individuum angehört,
oder vom positiv Absoluten verhängt werden.
Im
Falle der hinduistischen Religion zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass
Sünde bedeutet, dem Rad des Leidens durch Reinkarnation zu folgen und somit in
diesem neuen Leben – und in dieser Gesellschaft – die Strafe für die im
vorherigen Leben begangenen Sünden zu büßen.
Für
das Christentum bedeutet Bestrafung den ewigen Abstieg in das negativ Absolute.
Ungeachtet dessen, was historisch von der Kirche gepredigt wurde, ist das
Christentum jedoch keine Religion der Sünder, sondern der Auferstandenen. Matthäus
9:13 „Geht aber hin und lernt, was das heißt: „Barmherzigkeit will ich
und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“
Das
Christentum zeigt, dass der Mensch sich selbst aus dem negativ Absoluten (Hölle)
befreien kann, und dies mit keiner anderen Hilfe als der seines Glaubens an
dieses positive Absolute (Gott). Und zwar nicht, um in den Himmel zu kommen,
sondern, wie wir in den Evangelien lesen, um in das irdische Hier und Jetzt
zurückzukehren.
Deshalb ist im
Christentum das Bewusstsein, gesündigt zu haben, und der Wunsch, wieder in
Richtung des positiv Absoluten zu gehen, grundlegender als die Strafe. Deshalb
kann man von einer „spirituellen Alchemie“ und Auferstehung sprechen.
In unserer heutigen
Gesellschaft sind Sünden, die als "christlich" gelten, „abgeschafft“ worden.
Zum Beispiel wurde Völlerei durch Formeln wie "Eat as much as you can"
und XXL-Snacks und Videos, in denen junge Leute in einem Raum erscheinen, um zu
zeigen, wie viel sie essen können, ersetzt.
Es sind jedoch andere
Sünden aufgetaucht, die der Einzelne vermeiden muss, um die daraus
resultierende soziale Bestrafung oder die Pflicht, seine Reue öffentlich zu
zeigen, zu vermeiden. In Bezug auf nihilistische Gesellschaften, für die das
Nichts das positive Absolute darstellt, wird jede Linie oder Position, die sich
mit der Zeit verlängert, als Sünde angesehen, weil das Grundlegende nicht darin
besteht, sich selbst zu definieren.
Doch heute wie gestern,
gestern wie morgen ist das größte Problem der Sünde nicht so sehr die Sünde
oder der Sünder, sondern die »Jäger« der Sünder, die ebenso gefühlsduselige wie
manipulative und zerstörerische Phantasmagorien in die Gesellschaft einführen.
Meiner Meinung nach
reicht es aus, dafür zu sorgen, dass die irdischen Gesetze gerecht sind und die
Richter richtig Recht sprechen. Lassen wir, wie Kant riet, jeden seinem eigenen
kategorischen Imperativen folgen und lassen wir, wie Luther sagte, dass das positiv
Absolute die Gerechtigkeit erst am Ende aller Zeiten diktiert.
Isabel Viñado Gascón
(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am
14.Mai 2023)
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