Samstag, 14. Februar 2026

Sünde

 

Als Gott die Welt erschuf stellte er fest, dass sie „gut“ war. Von „perfekt“ sagte er nichts. Das ist verständlich, da Perfektion die Abwesenheit von Bewegung impliziert. Daher ist die parmenideische Welt mit Zenos Paradoxien verbunden.  In einer Welt, die sich bewegt, ist Perfektion nicht möglich; jedoch das Gute und das Böse und damit das Heilige und die Sünde.

Wie bereits Heraklit richtig gesehen hat, ist der Weg (der Logos) nach oben und nach unten ein und derselbe. Der Weg-Logos ist in der Tat eins. Die Richtung dagegen nicht.

In diesem Sinne ist die Sünde dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Bewegung ist, die die Richtung verlässt, die nach oben führt, um der Richtung nach unten zu folgen. Die Aufwärtsrichtung ist eine Konstruktionsrichtung und ist an das positive Absolute gebunden. Die Abwärtsrichtung impliziert Zerstörung und führt zum negativ Absoluten.

Dem Gedanken von Heraklit folgend, können wir daraus schließen, dass die Oben- Unten-POSITION dem Gesetz der Korrespondenz folgt und daher gleichsam ein SPIEGEL ist. Dem gegenüber folgt die Oben- Unten-RICHTUNG dem Gesetz der Gegensätze und ist daher gleichsam das NEGATIV einer FOTOGRAFIE. Genau hier - in dem Feld der Richtung - taucht der Begriff der "Sünde" auf. Das bedeutet nicht einfach eine Trennung, sondern eine Umkehrung der Pole des Absoluten. In dieser Umkehrung liegt die Übertretung.

Daraus ergeben sich zwei Fragen:

1. Was oder wer ist das positive Absolute, von dem man sich trennt und gegen das man sündigt?

2. Ist es möglich, dass jemand, der sich nicht bewusst ist, dass er sündigt, sündigt?

In Bezug auf die erste Frage ist es wichtig zu erkennen, dass es in jeder Gesellschaft, auch in denen, die sich selbst als materialistisch, nihilistisch und atheistisch betrachten, Gebote gibt, die als "heilig" angesehen werden und eingehalten werden müssen, obwohl sie nicht in den juristischen Gesetzen enthalten sind. Dies erfordert die Beachtung bestimmter Verhaltensweisen sowie das Verbot und die Selbstzensur anderer Verhaltensweisen.

In Bezug auf die zweite Frage müssen wir uns darauf einigen, dass nur derjenige sündigt, der sich der Sünde bewusst ist. Wie erlangt das Individuum dieses Bewusstsein?

Es gibt zwei Möglichkeiten.

Ein Weg führt über die Erziehung, die das Individuum in der religiösen Gruppe und in seiner Gesellschaft erhält und lernt.

Ein anderer Weg führt über sich selbst. Das Individuum legt für sich selbst (und vielleicht auch für seine Gruppe) eine Reihe von Geboten fest, die es für obligatorisch hält. Es kann vorkommen, dass dieses Individuum, das nach seinen privaten, persönlichen und autonomen Überzeugungen handelt, sogar seiner eigenen Religion und Gesellschaft gegenübersteht; und es kann auch sein, dass diese Konfrontation es entweder zum Ketzer oder zum Gründer einer neuen Religion macht.

Der Sünde wohnen die Begriffe "Bestrafung", "Reue" und "Erlösung" inne.

Bestrafung kann von der Gesellschaft und von der Religion, der das Individuum angehört, oder vom positiv Absoluten verhängt werden.

Im Falle der hinduistischen Religion zum Beispiel wird davon ausgegangen, dass Sünde bedeutet, dem Rad des Leidens durch Reinkarnation zu folgen und somit in diesem neuen Leben – und in dieser Gesellschaft – die Strafe für die im vorherigen Leben begangenen Sünden zu büßen.

Für das Christentum bedeutet Bestrafung den ewigen Abstieg in das negativ Absolute. Ungeachtet dessen, was historisch von der Kirche gepredigt wurde, ist das Christentum jedoch keine Religion der Sünder, sondern der Auferstandenen. Matthäus 9:13 „Geht aber hin und lernt, was das heißt: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“

Das Christentum zeigt, dass der Mensch sich selbst aus dem negativ Absoluten (Hölle) befreien kann, und dies mit keiner anderen Hilfe als der seines Glaubens an dieses positive Absolute (Gott). Und zwar nicht, um in den Himmel zu kommen, sondern, wie wir in den Evangelien lesen, um in das irdische Hier und Jetzt zurückzukehren.

Deshalb ist im Christentum das Bewusstsein, gesündigt zu haben, und der Wunsch, wieder in Richtung des positiv Absoluten zu gehen, grundlegender als die Strafe. Deshalb kann man von einer „spirituellen Alchemie“ und Auferstehung sprechen.

In unserer heutigen Gesellschaft sind Sünden, die als "christlich" gelten, „abgeschafft“ worden. Zum Beispiel wurde Völlerei durch Formeln wie "Eat as much as you can" und XXL-Snacks und Videos, in denen junge Leute in einem Raum erscheinen, um zu zeigen, wie viel sie essen können, ersetzt.

Es sind jedoch andere Sünden aufgetaucht, die der Einzelne vermeiden muss, um die daraus resultierende soziale Bestrafung oder die Pflicht, seine Reue öffentlich zu zeigen, zu vermeiden. In Bezug auf nihilistische Gesellschaften, für die das Nichts das positive Absolute darstellt, wird jede Linie oder Position, die sich mit der Zeit verlängert, als Sünde angesehen, weil das Grundlegende nicht darin besteht, sich selbst zu definieren.

Doch heute wie gestern, gestern wie morgen ist das größte Problem der Sünde nicht so sehr die Sünde oder der Sünder, sondern die »Jäger« der Sünder, die ebenso gefühlsduselige wie manipulative und zerstörerische Phantasmagorien in die Gesellschaft einführen.

Meiner Meinung nach reicht es aus, dafür zu sorgen, dass die irdischen Gesetze gerecht sind und die Richter richtig Recht sprechen. Lassen wir, wie Kant riet, jeden seinem eigenen kategorischen Imperativen folgen und lassen wir, wie Luther sagte, dass das positiv Absolute die Gerechtigkeit erst am Ende aller Zeiten diktiert.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 14.Mai 2023)

 

 

 

 

 

 

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