Ein Ritual ist keine
Routine. Der tägliche Kaffee am Morgen ist eine Gewohnheit - aber kein Ritual.
Ein geordneter Tagesablauf ist ein Habitus im aristotelischen Sinn - aber kein
Ritual.
Ein Ritual ist auch keine
Zeremonie, in der sich eine soziale Gruppe begegnet, um ein bestimmtes Ereignis
zu begehen. Einschulung, Hochzeit, Preisverleihung sind kein Ritual, auch wenn
diese Ereignisse die Menschen zusammenbringen und nach einem bestimmten Verlauf
durchgeführt werden.
Ritual ist der Versuch
eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen mit höheren Kräften in Verbindung
zu treten, oder bestimmte individuelle Kräfte zu bündeln, um daraus eine höhere
Einheit zu bilden. Sie können sowohl von gläubigen Menschen wie von Atheisten
durchgeführt werden. Das Ritual kann entweder positive oder negative
(zerstörerische Kräfte) anrufen.
Im Ritual dienen die
externen Aspekte wie Wiederholung und Zeremonie einem einzigen Ziel: in
Verbindung mit höheren Kräften einzutreten, oder sogar höheren Kräfte zu
schaffen.
Gerade dies
charakterisiert das Ritual: Die Überzeugung betreffend die Existenzen höherer
Kräfte – seien sie immanent oder transzendent oder das Resultat einer Summe
verschiedener Kräfte. Wichtig sind der Wunsch und der Versuch, diese Kräfte
durch das Ritual zu erwecken, zu kontaktieren und sie für den eigenen Vorteil
beeinflussen zu können. Deshalb sind das magische und symbolische Element im
Ritual stets anwesend.
Das Ritual kann auch als
Instrument der Beherrschung über andere benutzt werden. Das ist sehr oft der
Fall, wenn eine Versöhnungsopfer für die Durchführung und den Erfolg des
Rituals notwendig ist. Auch Aufnahmeritualen eignet typischerweise ein
Beherrschungs- oder Machtmoment. In allen diesen Initiationsritualen muss das
„Opfer“ bestimmte Prüfungen bestehen. Viele dieser Proben sind in der Regel
demütigend für das Individuum, weil es beweisen muss, dass es würdig oder
mächtig genug ist, um in Gruppen, die sich selbst als jeweils „besondere Gruppen“
verstehen, eintreten zu können.
Ich persönlich mag keine
Rituale – ganz gleich welche Zwecke sie verfolgen. Dafür gibt es mehrere
Gründe.
Erstens: Die Idee der Beherrschung
und der Machtausübung scheint mir dem Ritual inhärent zu sein.
Außerdem: Wenn das Ritual
lebendig ist, trägt es etwas Dämonisches, Hysterisches in sich. Denn das Ritual
bedeutet immer den Versuch (und die Versuchung), etwas zu erreichen, was
unerreichbar ist.
Mit der Zeit aber verliert
das Ritual seinen anfänglichen Sinn. Übrig
bleiben nur die Nostalgie betreffend die abgelebten Hoffnungen der
Vergangenheit, der Aberglaube und der Kampf, eine Tradition am Leben zu halten,
die nunmehr nur eine leere Hülle geworden ist.
Meiner Meinung nach reichen
der Verstand zusammen mit dem Herz, das ist: die Vernunft, um eine humane
Gesellschaft aufzubauen. Ein täglicher Kaffee am Morgen, ein geordneter
Tagesablauf, eine schöne Zeremonie, die die Menschen in gemeinsamer Freude und
gemeinsame Frieden verbindet, ist besser und erfüllender als jedes Ritual.
Isabel Viñado Gascón.
(Dieser Artikel erschien
erstmals in MoMo PubTalk am 19.03.2023)
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