Samstag, 14. Februar 2026

Ritual

 

Ein Ritual ist keine Routine. Der tägliche Kaffee am Morgen ist eine Gewohnheit - aber kein Ritual. Ein geordneter Tagesablauf ist ein Habitus im aristotelischen Sinn - aber kein Ritual.

Ein Ritual ist auch keine Zeremonie, in der sich eine soziale Gruppe begegnet, um ein bestimmtes Ereignis zu begehen. Einschulung, Hochzeit, Preisverleihung sind kein Ritual, auch wenn diese Ereignisse die Menschen zusammenbringen und nach einem bestimmten Verlauf durchgeführt werden.

Ritual ist der Versuch eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen mit höheren Kräften in Verbindung zu treten, oder bestimmte individuelle Kräfte zu bündeln, um daraus eine höhere Einheit zu bilden. Sie können sowohl von gläubigen Menschen wie von Atheisten durchgeführt werden. Das Ritual kann entweder positive oder negative (zerstörerische Kräfte) anrufen.

Im Ritual dienen die externen Aspekte wie Wiederholung und Zeremonie einem einzigen Ziel: in Verbindung mit höheren Kräften einzutreten, oder sogar höheren Kräfte zu schaffen.

Gerade dies charakterisiert das Ritual: Die Überzeugung betreffend die Existenzen höherer Kräfte – seien sie immanent oder transzendent oder das Resultat einer Summe verschiedener Kräfte. Wichtig sind der Wunsch und der Versuch, diese Kräfte durch das Ritual zu erwecken, zu kontaktieren und sie für den eigenen Vorteil beeinflussen zu können. Deshalb sind das magische und symbolische Element im Ritual stets anwesend.

Das Ritual kann auch als Instrument der Beherrschung über andere benutzt werden. Das ist sehr oft der Fall, wenn eine Versöhnungsopfer für die Durchführung und den Erfolg des Rituals notwendig ist. Auch Aufnahmeritualen eignet typischerweise ein Beherrschungs- oder Machtmoment. In allen diesen Initiationsritualen muss das „Opfer“ bestimmte Prüfungen bestehen. Viele dieser Proben sind in der Regel demütigend für das Individuum, weil es beweisen muss, dass es würdig oder mächtig genug ist, um in Gruppen, die sich selbst als jeweils „besondere Gruppen“ verstehen, eintreten zu können.

Ich persönlich mag keine Rituale – ganz gleich welche Zwecke sie verfolgen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens: Die Idee der Beherrschung und der Machtausübung scheint mir dem Ritual inhärent zu sein.

Außerdem: Wenn das Ritual lebendig ist, trägt es etwas Dämonisches, Hysterisches in sich. Denn das Ritual bedeutet immer den Versuch (und die Versuchung), etwas zu erreichen, was unerreichbar ist.

Mit der Zeit aber verliert das Ritual seinen anfänglichen Sinn.  Übrig bleiben nur die Nostalgie betreffend die abgelebten Hoffnungen der Vergangenheit, der Aberglaube und der Kampf, eine Tradition am Leben zu halten, die nunmehr nur eine leere Hülle geworden ist.

Meiner Meinung nach reichen der Verstand zusammen mit dem Herz, das ist: die Vernunft, um eine humane Gesellschaft aufzubauen. Ein täglicher Kaffee am Morgen, ein geordneter Tagesablauf, eine schöne Zeremonie, die die Menschen in gemeinsamer Freude und gemeinsame Frieden verbindet, ist besser und erfüllender als jedes Ritual.

Isabel Viñado Gascón.

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 19.03.2023)

 

 

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