Für
dieses Thema ist die Einführung eines dritten Konzepts notwendig, nämlich dasjenige
der „Wahrnehmung“; denn die Wahrnehmung ist das erste Stadium der menschlichen
Kenntnis.
Die
Wahrnehmung bezieht sich auf die Sinne und diese können uns täuschen. Ein
Beispiel: Wenn wir einen Fisch mit einem Spieß fischen möchten und wir aufgrund
unserer Wahrnehmung des Auges die Position des Fisches verorten würden, würden
wir wegen der Lichtbrechung keinen Fisch fangen.
Daher
können wir behaupten, dass die Wirklichkeit anders als unsere Wahrnehmung der
Wirklichkeit ist.
Trotzdem
ist die Wirklichkeit durch Beobachtung, Hypothese, Experiment und
Falsifizierbarkeit erkennbar. Das heißt: Man kann die Wirklichkeit durch
bestimmte Messgeräte, Techniken und Methoden begreifen. Die Wirklichkeit, auf
diese Art und Weise zu kennen, nennt man „Wissenschaft“.
Aber
da diese „wissenschaftliche Wirklichkeit“ falsifizierbar ist, sprechen viele
Wissenschaftler lieber von „Gültigkeit“ und „Ungültigkeit“ der wissenschaftlichen
Prämissen als von Wahrheit. Sie ordnen die Wahrheit in den Bereich der Logik
ein. Nur hier ist es möglich, eine Prämisse als „wahr“ oder „falsch“ zu
beurteilen.
Aber
vielleicht sollten wir uns darüber Gedanken machen, welchen Grad oder welches Niveau
der Wahrheit eine logische Prämisse besitzt. „A single word or expression in tantra can have four
different meanings corresponding to the four levels of interpretation, known as
the four modes of understanding. Which are: (i) the literal meaning; (ii) the
general meaning; (iii) the hidden meaning; and (iv) the ultimative meaning.” (The Path to tranquility. Daily Meditations. His
Holiness the Dalai Lama. June 27. Seite 195. Edited by Renuka Sing.
Penguin Books 1998.)
Diese
Worte zeigen nicht nur die Fragilität der Logik, sondern auch, dass das Thema
„Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ die Wissenschaft transzendiert und die Ebene der existenziellen
Dimension erreicht.
In
der Philosophie verwischt der Konstruktivismus den Unterschied zwischen
Wirklichkeit und Wahrheit. Der Mensch kann die Wirklichkeit mit den Elementen
aufbauen, die er hat. Mit diesen Elementen kann er eine Wirklichkeit aufbauen,
die auch wahr ist. (Man konnte den Konstruktivismus fragen: Wer oder was hat
die Elemente erschaffen, die für die Konstruktion nötig sind.)
Auf
jeden Fall verblasst die Frage nach der Wahrheit, wenn man Wahrnehmung und
Wahrheit gleichsetzt. Diese Gleichsetzung kommt zum Teil aus dem Bereich der
„Esoterik“, zum Teil aus der Wissenschaft selbst: hier aus der Quantenmechanik;
zum Teil aus dem Konstruktivismus in der Philosophie. Viele gehen sogar einen
Schritt weiter und setzen „Konstruktion“ und „Erschaffung“ als Synonyme gleich.
Sie behaupten, dass jeder
von uns seine eigene Welt und Wirklichkeit nicht nur aufbauen, sondern mit der
eigenen Kraft seines Geistes die Wirklichkeit erschaffen kann; dass „NUR“ die
Wirklichkeit, die wir beobachten und die für wahr halten existiert.
Wenn
der Beobachter die Wirklichkeit durch seine Beobachtung bestimmt, was ist dann
„Wahrheit“? Was passiert, wenn die existierende Wirklichkeit, allein die
Wirklichkeit ist, die der Beobachter beobachtet? Das heißt: Was geschieht, wenn
die Wirklichkeit nur diejenige ist, die der Beobachter mit seiner Beobachtung wahrnimmt,
sodass diese Beobachtung nicht nur „Wahrnehmung“, sondern sogar „Bestimmung“
der Wirklichkeit und damit der Wahrheit selbst ist. Die Beobachtung des
Beobachters setzt die Wirklichkeit und damit auch die Wahrheit.
Trotz
alldem sollten wir nie vergessen: Eine Aussage über Wirklichkeit ist
falsifizierbar; Wahrheit dagegen nicht. Konstruktion ist nicht dasselbe wie
Erschaffung. Subjektivismus soll nur ein Aspekt der Wirklichkeit sein, nicht
die Wirklichkeit selbst. Sonst laufen wir die Gefahr, dass Wahrnehmung (die
immer subjektiv ist) zum Maßstab für die Wirklichkeit und für die Wahrheit wird.
Isabel Viñado Gascón.
(Dieser
Artikel erschien ertsmals in MoMo PubTalk am 11 Oktober 2020)
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