Samstag, 14. Februar 2026

Wirklichkeit und Wahrheit

 

Für dieses Thema ist die Einführung eines dritten Konzepts notwendig, nämlich dasjenige der „Wahrnehmung“; denn die Wahrnehmung ist das erste Stadium der menschlichen Kenntnis.

Die Wahrnehmung bezieht sich auf die Sinne und diese können uns täuschen. Ein Beispiel: Wenn wir einen Fisch mit einem Spieß fischen möchten und wir aufgrund unserer Wahrnehmung des Auges die Position des Fisches verorten würden, würden wir wegen der Lichtbrechung keinen Fisch fangen.

Daher können wir behaupten, dass die Wirklichkeit anders als unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit ist.

Trotzdem ist die Wirklichkeit durch Beobachtung, Hypothese, Experiment und Falsifizierbarkeit erkennbar. Das heißt: Man kann die Wirklichkeit durch bestimmte Messgeräte, Techniken und Methoden begreifen. Die Wirklichkeit, auf diese Art und Weise zu kennen, nennt man „Wissenschaft“.

Aber da diese „wissenschaftliche Wirklichkeit“ falsifizierbar ist, sprechen viele Wissenschaftler lieber von „Gültigkeit“ und „Ungültigkeit“ der wissenschaftlichen Prämissen als von Wahrheit. Sie ordnen die Wahrheit in den Bereich der Logik ein. Nur hier ist es möglich, eine Prämisse als „wahr“ oder „falsch“ zu beurteilen.

Aber vielleicht sollten wir uns darüber Gedanken machen, welchen Grad oder welches Niveau der Wahrheit eine logische Prämisse besitzt. „A single word or expression in tantra can have four different meanings corresponding to the four levels of interpretation, known as the four modes of understanding. Which are: (i) the literal meaning; (ii) the general meaning; (iii) the hidden meaning; and (iv) the ultimative meaning.” (The Path to tranquility. Daily Meditations. His Holiness the Dalai Lama. June 27. Seite 195. Edited by Renuka Sing. Penguin Books 1998.)

Diese Worte zeigen nicht nur die Fragilität der Logik, sondern auch, dass das Thema „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ die Wissenschaft transzendiert und die Ebene der existenziellen Dimension erreicht.

In der Philosophie verwischt der Konstruktivismus den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Der Mensch kann die Wirklichkeit mit den Elementen aufbauen, die er hat. Mit diesen Elementen kann er eine Wirklichkeit aufbauen, die auch wahr ist. (Man konnte den Konstruktivismus fragen: Wer oder was hat die Elemente erschaffen, die für die Konstruktion nötig sind.)

Auf jeden Fall verblasst die Frage nach der Wahrheit, wenn man Wahrnehmung und Wahrheit gleichsetzt. Diese Gleichsetzung kommt zum Teil aus dem Bereich der „Esoterik“, zum Teil aus der Wissenschaft selbst: hier aus der Quantenmechanik; zum Teil aus dem Konstruktivismus in der Philosophie. Viele gehen sogar einen Schritt weiter und setzen „Konstruktion“ und „Erschaffung“ als Synonyme gleich.

Sie behaupten, dass jeder von uns seine eigene Welt und Wirklichkeit nicht nur aufbauen, sondern mit der eigenen Kraft seines Geistes die Wirklichkeit erschaffen kann; dass „NUR“ die Wirklichkeit, die wir beobachten und die für wahr halten existiert.

Wenn der Beobachter die Wirklichkeit durch seine Beobachtung bestimmt, was ist dann „Wahrheit“? Was passiert, wenn die existierende Wirklichkeit, allein die Wirklichkeit ist, die der Beobachter beobachtet? Das heißt: Was geschieht, wenn die Wirklichkeit nur diejenige ist, die der Beobachter mit seiner Beobachtung wahrnimmt, sodass diese Beobachtung nicht nur „Wahrnehmung“, sondern sogar „Bestimmung“ der Wirklichkeit und damit der Wahrheit selbst ist. Die Beobachtung des Beobachters setzt die Wirklichkeit und damit auch die Wahrheit.

Trotz alldem sollten wir nie vergessen: Eine Aussage über Wirklichkeit ist falsifizierbar; Wahrheit dagegen nicht. Konstruktion ist nicht dasselbe wie Erschaffung. Subjektivismus soll nur ein Aspekt der Wirklichkeit sein, nicht die Wirklichkeit selbst. Sonst laufen wir die Gefahr, dass Wahrnehmung (die immer subjektiv ist) zum Maßstab für die Wirklichkeit und für die Wahrheit wird.

Isabel Viñado Gascón.

(Dieser Artikel erschien ertsmals in MoMo PubTalk am 11 Oktober 2020)

 

 

 

 

 

 

 

 

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