Samstag, 14. Februar 2026

Verstehen und Nicht-verstehen

 

Hier gibt es zwei Elemente: das Subjekt, das versteht und das Objekt, das verstanden wird.

Das primäre Verständnis ist das von uns selbst. In Spanien sagt man, wenn man von niemanden mehr verstanden wird: „Yo me entiendo“. Ich verstehe mich selbst. Eine solche Antwort erinnert an Kierkegaards Vorstellung. Tatsächlich bedeutet dieses „ich verstehe mich selbst“, dass der Mensch, dessen Selbst nach Kierkegaard ein Verhältnis ist, nicht nur zu seiner eigenen Überzeugung steht, sondern noch mehr: er steht in einem harmonischen Verhältnis mit seinem ganzen Sein.

Umgekehrt, wenn jemand nicht weiß, was er will oder nicht will, und grundlos unzufrieden ist, sagt man von ihm: „No se aguanta ni él“. Noch nicht mal er selbst kann sich ertragen. „Aguantar“ bedeutet nicht nur jemanden ertragen, sondern auch etwas halten.  Dieser Satz bedeutet, dass das Verhältnis, das dieses Individuum mit sich selbst hat, gestört ist.

Diese beiden Beispiele zeigen wie komplex die Beziehung zwischen dem Subjekt, das etwas versteht und dem Objekt, das zu verstanden ist, sein kann.

Wir selbst sind als das Subjekt, der etwas versteht, nicht immer mit uns selbst einig.

Das ist manchmal ein Problem, wenn das zu Konfusion führt.

Trotzdem kann es auch ein Vorteil sein: wenn diese Konfusion uns dazu bringt das Objekt, dass zu verstehen ist, aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten und darüber einen Dialog mit dem anderen anzufangen.

Hier fangen nicht nur die individuelle Konfusion, sondern auch die wahren Konflikte an.

Die Behauptung „ich verstehe den anderen nicht“ bezieht sich in der Regel nicht an das Subjekt selbst, sondern auf das, was es meint. Es kann sein, dass wir seine persönlichen Umstände kennen wollen, um seine Haltung zu verstehen, aber nur als Hilfsmittel. Was von ihm nicht zu verstehen ist, ist nicht sein Inneres, sondern seine Äußerungen – Theorien oder Taten.

-          Es kann sein, dass das Problem, die Sprache ist: Falsche Übersetzung, zum Beispiel.

-          Es kann sein, dass ein und derselbe Begriff, verschiedene Bedeutungen hat. Zum Beispiel haben die Begriffe „Menschenrechte“ „Demokratie“ und „Rechtstaat“ in einer Diktatur nicht dieselbe Bedeutung, wie in einer liberalen Demokratie.

-          Einige Male ist eine Frage der Perspektive. Es kommt darauf an, welche Position der Subjekte haben. In die Gedichte der zehn blinden Männer, die einen Elefant examinieren ist es klar, dass der blinde Mann, der das Bein des Elefanten anfasst nicht den blinden Mann verstehen kann, dass der Schwanz anfasst. Das Ergebnis der erste ist, dass der Elefant das Stamm eines Baumes ist, während die Schlussfolgerung der andere ist, dass der Elefant ein Seil ist.

-          Andere Male ist eine Frage der Prioritäten. Zum Beispiel die Frage zwischen Freiheit und Sicherheit. Die Frage zwischen Abenteuer und Stabilität. Hier finden sich die Unverständlichkeit und Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Moralen und Wertsystemen.

-          Es kann sein, dass die Zäsur zwischen Verstehen/Nicht Verstehen aus Ungleiche Wissen und Kenntnissen entsteht. (Informationsassymetrien)

Auf all diese Ebenen, trotz aller Unterschiede, existiert entweder ein möglicher Dialog oder eine konzertierte Toleranz.

Wann wird aus die Beziehung Verstehen/ Nicht Verstehen eine Konfrontation?

Entweder wenn es eine Macht Situation gibt und jeder den anderen zu beherrschen versucht oder wenn jede von beiden denkt, dass er im Besitz der Wahrheit ist und sich gegenüber dem anderen um jeden Preis behaupten will, einfach weil er die Wahrheit endgültig verstanden hat.

In diesen zwei Fällen gibt es nichts zu verstehen. Das Höchste, dass jemand wie Hannah Arendt zu verstehen erreicht hat ist, dass das Böse nicht nur auf der metaphysischen Ebene existiert.

Vielleicht ist das schon viel zu verstehen.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 24.10.2021)

 

 

 

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