Heraklit. “Der Weg nach oben und der Weg nach
unten ist ein und derselbe.“
Heraklit
hatte recht. Der Weg ist ein und derselbe. Die Richtung aber nicht. Man kann
auch sagen, dass der Logos nach oben und der Logos nach unten ein und derselbe
ist. Die Richtung dieses Logos es aber nicht. Deshalb sind die Orte, an denen
der Weg und der Logos enden, verschieden.
Warum
ist diese Betrachtung wichtig, wenn wir über objektive und subjektive Schönheit
sprechen?
Die
hellenistische Philosophie behauptet, dass es eine objektive Schönheit gebe:
wenn nämlich das Schöne und das Gute ein und dasselbe sind. In diesen Fall ist
die materielle Schönheit Ausdruck der geistige-spirituellen Schönheit. Das
heißt, die materielle Schönheit enthält die geistige-spirituelle Schönheit. Und
in diesen Fall ist objektive Schönheit alles, was in sich eine höhere geistige
spirituelle Schönheit enthält. Materielle Schönheit ist der Ausdruck des
höheren Logos. Objektive Schönheit ist der Spiegel dieses höheren Logos. Deshalb
besteht dieser Zusammenhang zwischen Schönheit und dem Guten. Schönheit bringt
auch die Liebe in Verbindung, denn Liebe ist die höhere Kraft des Universums.
Liebe ist die schöpferische Kraft. Liebe ist, wie Dante zeigt, auch die
Energie, die es ermöglicht, dass wir es aus der Holle herausschaffen. Liebe hat
nicht mit Leidenschaft zu tun, weil Passionen nicht mit Vernunft zu tun haben.
(Vernunft sei hier als harmonisches Zusammenwirken zwischen Verstand und
Gefühle betrachtet.)
Leidenschaft dagegen ist die Liebe
des Logos in Richtung nach unten. Leidenschaft und Passionen sind die Inversion
des höheren Logos. In der griechischen Mythologie kann man ein Symbol finden,
um das zu erklären: Aphrodite. Aphrodite bedeutet die leidenschaftliche
(passionale) Schönheit, die so viele Schmerz verursacht, wegen ihres labilen
und stimmungswandelnden Charakters. Aphrodite
ist diejenige, die den Krieg zwischen Trojaner und Griesche bringt, und sie
symbolisiert nicht nur die ephemere Schönheit, sondern die leidenschaftliche
Liebe (vgl. Aphrodisiaka).
Auch
in der Bibel findet man eine ähnliche Figur: Lilith als die Schönheit,
die zu dem unteren Logos gehört.
Demeter und Persephone dagegen zeigen
die höhere und objektive Schönheit. Wenn diese Schönheit zusammen mit der Liebe
und die Freiheit agiert „befruchten“ sie die Erde. Es ist eine schöpferische
Schönheit.
Persephone
zeigt wie gefährdet die Schönheit durch den unteren Logos ist. Solange die
Schönheit im Bereich des unteren Logos bleibt, ist sie tote Schönheit; in dem
Sinn, dass sie nichts schaffen kann. Diese Schönheit ist unfruchtbar (nicht
schöpferisch) und deshalb nicht objektive Schönheit.
In
den Evangelien findet man die korrelativen Figuren zu Demeter und
Persephone. Die drei Marien (Jungfrau María, María Magdalena und María,
die Schwester von Marta) (ich möchte ich hier merken, dass die drei eine Art
Trinität bilden) symbolisieren die objektive Schönheit (die Jungfrau María
ist Demeter, die Schönheit, die befruchtet; María Magdalena ist
Persephone, die durch die Liebe aus der unteren Ebene emporsteigt und es zu der
höheren Ebene des Guten schafft; María, die Schwester von Marta,
symbolisiert den (heiligen?) Geist.)
Die
objektive Schönheit gehört mit dem höheren Logos zusammen, weil dort die
schöpferische Liebe -- nicht das leere Leidenschaft - sich findet.
Im
hellenistischen Mythos finden man zwei Gegenakteure: Apollo und Narziss.
Narziss ist subjektive Schönheit. Er ist ein
Punkt. Die subjektive Schönheit ist egoistisch. Diese Schönheit kann nur sich
selbst sehen. Sie ist nicht in Verbindung mit dem Guten. Deshalb ist sie auch
nicht schöpferisch. Sie ist ein Punkt. Und ein Punkt, der in sich selbst
eingeschlossen bleibt. Der Punkt muss aus sich selbst herauskommen und
schöpfen. Diese Kraft ist die Liebe. Da aber in Narziss die Liebe allein eigene
(egoistische und selbstbezogene) Liebe ist, kann Narziss´ Schönheit nicht aus
sich herausgehen. Narziss ist der Punkt, der sich in sich selbst konsumiert.
Ganz
anders ist Apollo, der nicht nur der Gott der Dichtkunst und die Musik,
sondern auch der Gott der Heilung und des Lichtes ist.
Kurz: Es gibt eine objektive
Schönheit. Die Schönheit, die eine Richtung in dem Weg des Logos hat: die
Richtung nach oben. Diese Schönheit ist in Verbindung mit dem Guten und mit der
Freiheit: Die Liebe ist die Kraft, die sie bewegt. Diese Liebe ist daher
schöpferisch. Die objektive Schönheit trägt den höheren Geist, wenn es mir
erlaubt ist, dieses Wort zu benutzen. Diese objektive Schönheit muss nicht
„schön“ sein, sondern muss vor allem den „höheren Geist“ in sich tragen.
Diese objektive Schönheit ist nicht
rigide in dem Sinn, dass sie für jeden gleich ist. Der höhere Logos ist ein und
derselbe, aber jeder läuft in diese Richtung auf seiner eigenen Art und Weise.
In dieser Hinsicht ist die objektive Schönheit nicht subjektiv, aber doch
individuell. Es ist ähnlich der Mystik in der Religion. Es gibt kein „Rezept“
dafür.
Die
expressionistische Schönheit zum Beispiel soll als „objektive Schönheit“
betrachtet werden. Sie zeigt nicht wie schön das Gute ist, sondern wie
schrecklich das Geistlose ist.
Die
Schönheit ist subjektiv,
wenn sie nur eine Frage des Geschmacks ist; wenn nicht Forderung an sie
gestellt wird, in Verbindung mit dem Guten zu sein. Die Schönheit ist
subjektiv, wenn sie nur ein Punkt ist, auch wenn dieser Punkt „Mode“ genannt
wird, und nichts oder nur ganz wenig, aus diesen Punkten herauskommen kann.
Die
Schönheit ist böse,
wenn sie kitschig ist (vgl. Hermann Broch); wenn diese Schönheit in Richtung
nach unten geht; wenn diese Schönheit nicht das Gute spiegelt, sondern das
Negativ einer Photographie ist. Das ist: wenn man von einer Inversion spricht.
Die Schönheit hat hier mit dem unteren Logos zu tun. Wenn die Schönheit nicht mit dem Guten,
sondern nur mit leerer Sentimentalität zu tun hat. Wenn die Schönheit als
Manipulation oder als Trivialität in dem Sinn verstanden wird, dass sie zum
niedrigen Logos hinstrebt, dann wird diese Schönheit zwar schöpferisch, weil
auch der niedrige Logos schöpfen kann. Leider werden aber aus dieser
schöpferischen Kraft nur Monster entstehen.
Denn diese Schönheit wird das Gute als reines Spiel und die Gefühle als
reine Mittel be- und ausnützen.
Isabel Viñado Gascón
(Dieser
Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 18. April 2021)
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