Samstag, 14. Februar 2026

Objektive und Subjektive Schönheit

 

Heraklit. “Der Weg nach oben und der Weg nach unten ist ein und derselbe.“

Heraklit hatte recht. Der Weg ist ein und derselbe. Die Richtung aber nicht. Man kann auch sagen, dass der Logos nach oben und der Logos nach unten ein und derselbe ist. Die Richtung dieses Logos es aber nicht. Deshalb sind die Orte, an denen der Weg und der Logos enden, verschieden.

Warum ist diese Betrachtung wichtig, wenn wir über objektive und subjektive Schönheit sprechen?

Die hellenistische Philosophie behauptet, dass es eine objektive Schönheit gebe: wenn nämlich das Schöne und das Gute ein und dasselbe sind. In diesen Fall ist die materielle Schönheit Ausdruck der geistige-spirituellen Schönheit. Das heißt, die materielle Schönheit enthält die geistige-spirituelle Schönheit. Und in diesen Fall ist objektive Schönheit alles, was in sich eine höhere geistige spirituelle Schönheit enthält. Materielle Schönheit ist der Ausdruck des höheren Logos. Objektive Schönheit ist der Spiegel dieses höheren Logos. Deshalb besteht dieser Zusammenhang zwischen Schönheit und dem Guten. Schönheit bringt auch die Liebe in Verbindung, denn Liebe ist die höhere Kraft des Universums. Liebe ist die schöpferische Kraft. Liebe ist, wie Dante zeigt, auch die Energie, die es ermöglicht, dass wir es aus der Holle herausschaffen. Liebe hat nicht mit Leidenschaft zu tun, weil Passionen nicht mit Vernunft zu tun haben. (Vernunft sei hier als harmonisches Zusammenwirken zwischen Verstand und Gefühle betrachtet.)

Leidenschaft dagegen ist die Liebe des Logos in Richtung nach unten. Leidenschaft und Passionen sind die Inversion des höheren Logos. In der griechischen Mythologie kann man ein Symbol finden, um das zu erklären: Aphrodite. Aphrodite bedeutet die leidenschaftliche (passionale) Schönheit, die so viele Schmerz verursacht, wegen ihres labilen und stimmungswandelnden Charakters.  Aphrodite ist diejenige, die den Krieg zwischen Trojaner und Griesche bringt, und sie symbolisiert nicht nur die ephemere Schönheit, sondern die leidenschaftliche Liebe (vgl. Aphrodisiaka).

Auch in der Bibel findet man eine ähnliche Figur: Lilith als die Schönheit, die zu dem unteren Logos gehört.

Demeter und Persephone dagegen zeigen die höhere und objektive Schönheit. Wenn diese Schönheit zusammen mit der Liebe und die Freiheit agiert „befruchten“ sie die Erde. Es ist eine schöpferische Schönheit.

Persephone zeigt wie gefährdet die Schönheit durch den unteren Logos ist. Solange die Schönheit im Bereich des unteren Logos bleibt, ist sie tote Schönheit; in dem Sinn, dass sie nichts schaffen kann. Diese Schönheit ist unfruchtbar (nicht schöpferisch) und deshalb nicht objektive Schönheit.

In den Evangelien findet man die korrelativen Figuren zu Demeter und Persephone. Die drei Marien (Jungfrau María, María Magdalena und María, die Schwester von Marta) (ich möchte ich hier merken, dass die drei eine Art Trinität bilden) symbolisieren die objektive Schönheit (die Jungfrau María ist Demeter, die Schönheit, die befruchtet; María Magdalena ist Persephone, die durch die Liebe aus der unteren Ebene emporsteigt und es zu der höheren Ebene des Guten schafft; María, die Schwester von Marta, symbolisiert den (heiligen?) Geist.)

Die objektive Schönheit gehört mit dem höheren Logos zusammen, weil dort die schöpferische Liebe -- nicht das leere Leidenschaft - sich findet.

Im hellenistischen Mythos finden man zwei Gegenakteure: Apollo und Narziss.

Narziss ist subjektive Schönheit. Er ist ein Punkt. Die subjektive Schönheit ist egoistisch. Diese Schönheit kann nur sich selbst sehen. Sie ist nicht in Verbindung mit dem Guten. Deshalb ist sie auch nicht schöpferisch. Sie ist ein Punkt. Und ein Punkt, der in sich selbst eingeschlossen bleibt. Der Punkt muss aus sich selbst herauskommen und schöpfen. Diese Kraft ist die Liebe. Da aber in Narziss die Liebe allein eigene (egoistische und selbstbezogene) Liebe ist, kann Narziss´ Schönheit nicht aus sich herausgehen. Narziss ist der Punkt, der sich in sich selbst konsumiert.

Ganz anders ist Apollo, der nicht nur der Gott der Dichtkunst und die Musik, sondern auch der Gott der Heilung und des Lichtes ist.

Kurz: Es gibt eine objektive Schönheit. Die Schönheit, die eine Richtung in dem Weg des Logos hat: die Richtung nach oben. Diese Schönheit ist in Verbindung mit dem Guten und mit der Freiheit: Die Liebe ist die Kraft, die sie bewegt. Diese Liebe ist daher schöpferisch. Die objektive Schönheit trägt den höheren Geist, wenn es mir erlaubt ist, dieses Wort zu benutzen. Diese objektive Schönheit muss nicht „schön“ sein, sondern muss vor allem den „höheren Geist“ in sich tragen.

Diese objektive Schönheit ist nicht rigide in dem Sinn, dass sie für jeden gleich ist. Der höhere Logos ist ein und derselbe, aber jeder läuft in diese Richtung auf seiner eigenen Art und Weise. In dieser Hinsicht ist die objektive Schönheit nicht subjektiv, aber doch individuell. Es ist ähnlich der Mystik in der Religion. Es gibt kein „Rezept“ dafür.

Die expressionistische Schönheit zum Beispiel soll als „objektive Schönheit“ betrachtet werden. Sie zeigt nicht wie schön das Gute ist, sondern wie schrecklich das Geistlose ist.

Die Schönheit ist subjektiv, wenn sie nur eine Frage des Geschmacks ist; wenn nicht Forderung an sie gestellt wird, in Verbindung mit dem Guten zu sein. Die Schönheit ist subjektiv, wenn sie nur ein Punkt ist, auch wenn dieser Punkt „Mode“ genannt wird, und nichts oder nur ganz wenig, aus diesen Punkten herauskommen kann.

Die Schönheit ist böse, wenn sie kitschig ist (vgl. Hermann Broch); wenn diese Schönheit in Richtung nach unten geht; wenn diese Schönheit nicht das Gute spiegelt, sondern das Negativ einer Photographie ist. Das ist: wenn man von einer Inversion spricht. Die Schönheit hat hier mit dem unteren Logos zu tun.  Wenn die Schönheit nicht mit dem Guten, sondern nur mit leerer Sentimentalität zu tun hat. Wenn die Schönheit als Manipulation oder als Trivialität in dem Sinn verstanden wird, dass sie zum niedrigen Logos hinstrebt, dann wird diese Schönheit zwar schöpferisch, weil auch der niedrige Logos schöpfen kann. Leider werden aber aus dieser schöpferischen Kraft nur Monster entstehen.  Denn diese Schönheit wird das Gute als reines Spiel und die Gefühle als reine Mittel be- und ausnützen.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 18. April 2021)

 

 

 

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