Samstag, 14. Februar 2026

Vergeben

 

Vergeben hat vor allem mit sozialer Kohäsion zu tun. Das sieht man auch in den Evangelien (z.B. Mt. 5:24). Man soll aber berücksichtigen, dass in den alten Kulturen „sozialer Kohäsion“ mit der Kohäsion des Menschen mit sich selbst und mit der Kohäsion des Menschen mit dem Universum in Zusammenhang steht. (Zu diesem Thema würde ich die Lektüre „Ma`at“, des Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann empfehlen.)

Diese Kohäsion soll auch zwischen Generationen stattfinden, was ein großes Dilemma verursacht: Erben die Kinder die Sünden der Eltern – oder nicht? Aus der christlichen Perspektive betrachtet muss man sagen, dass die Bibel in dieser Hinsicht nicht klar ist.

Schon in den Büchern Moses finden sich beide Positionen.

„(…) Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen“ (2 Mo 20,5)

„Aber ihre Söhne tötete er nicht; denn so steht es geschrieben im Gesetz, im Buch des Moses, wo der HERR gebietet: Die Väter sollen nicht sterben für die Kinder und die Kinder nicht für die Väter, sondern ein jeder soll nur um seiner Sünde willen sterben.“ (5 Mo 24,16)

Diese Unsicherheit herrscht in der ganzen Bibel. Nur Hesekiel ist in diesem Punkt eindeutig:

„14 Wenn der dann aber einen Sohn zeugt, der alle diese Sünden sieht, die sein Vater tut – wenn er sie sieht und doch nicht so handelt (…) sondern meine Gebote hält und nach meinen Gesetzen lebt: Der soll nicht sterben um der Schuld seines Vaters willen, sondern soll am Leben bleiben. 18 Aber sein Vater, der Gewalt und Unrecht geübt und unter seinem Volk getan hat, was nicht taugt, siehe, der soll sterben um seiner Schuld willen. (…). 20 Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugutekommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen. (…) 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.“ (Hesekiel 18, 14-24)

Jesus Position ist extrem ähnlich zu der Hesekiels. Schuld ist allein individuell. Die Erlösung davon ist ebenfalls individuell. Genau das zeigt Jesus mit seinem Tod - eher als die gewöhnliche Interpretation seines Todes als Opfer zu kollektiver Erlösung von den Sünden. Anders als in der griechischen Mythologie – Orpheus, Demeter – geht niemand in das Reich der Toten, um sie zurückzuholen; in Jesus Fall noch nicht einmal Gott. Jeder geht allein in das Reich des Todes; und jeder kommt auch allein wieder daraus hervor.

Auch heute verursacht die Vergebung der Sünden der Vorfahren Kontroversen. Einige - die Zyniker - behaupten, dass sie keine Vergebung brauchen, weil die Sünden der Eltern nie stattgefunden haben. Andere - die modernen Inquisitoren, die Nachfolger von Paulus, die neuen Pharisäer, kurz: diese falschen Gerechten, die sich selbst als Gerechte ausrufen, die den Splitter in dem Auge des Bruders aber nicht den Balken in ihrem eigenen Auge sehen, (Mt. 7:3) - verurteilen den anderen als schuldig, nicht aber sich selbst. Sie akzeptieren noch nicht mal die Vergebung der Sünde nach der dritten Generation, weil sie die Sünde der Eltern als politische und sozial Machtwaffe benutzen. Schließlich, die Kinder, die die Sünden der Eltern erkannt haben, wollen sich von diesen Sünden nicht nur abwenden, sondern auch dem Schaden reparieren, den die Eltern verursacht haben. Sie arbeiten hart für das Gute, aber wegen der modernen Inquisitoren leben sie in einem ständigen Schuldgefühl. Sie finden keinen Frieden und keinen Trost in ihren guten Aktionen. Meiner Meinung nach ist die Gefahr groß, dass diese Kinder sich entweder in Zyniker, in Inquisitoren oder in Apathiker verwandeln.

Soll man alles vergeben? Soll man jedem vergeben? Jedenfalls zwei Sünden vergibt Jesus nicht. Erstens:  Zynismus. Der Zynismus verhindert, dass die Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse, Heilig und Profan sehen (z.B. die Händler, die in den Tempel Geschäfte treiben). Zweitens: die Hybris derer, die sich als Richter über Gut und Böse aufschwingen, statt sich um ihren eigenen Sünden und eigene Verbesserung zu kümmern. Jesus vergibt nicht jedem; nicht einmal am Kreuz hängend. Einem der Diebe an seiner Seite vergibt Er nicht, weil dieser Dieb ein Zyniker ist. Dessen Unfähigkeit, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erkennen bedeutet, dass sein drittes Auge - das Herz - geschlossen ist. „Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ (Lukas 23,39) Der andere Dieb, dagegen sieh den Unterschied: „Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23,41)

 Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 19.01.2025)

 



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