Vergeben hat vor allem mit sozialer
Kohäsion zu tun. Das sieht man auch in den Evangelien (z.B. Mt. 5:24).
Man soll aber berücksichtigen, dass in den alten Kulturen „sozialer Kohäsion“ mit
der Kohäsion des Menschen mit sich selbst und mit der Kohäsion des Menschen mit
dem Universum in Zusammenhang steht. (Zu diesem Thema würde ich die Lektüre „Ma`at“,
des Heidelberger Ägyptologen Jan Assmann empfehlen.)
Diese Kohäsion soll auch
zwischen Generationen stattfinden,
was ein großes Dilemma verursacht: Erben die Kinder die Sünden der Eltern –
oder nicht? Aus der christlichen Perspektive betrachtet muss man sagen, dass
die Bibel in dieser Hinsicht nicht klar ist.
Schon in den Büchern Moses finden
sich beide Positionen.
„(…)
Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der
Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich
hassen“ (2 Mo 20,5)
„Aber ihre Söhne tötete er nicht;
denn so steht es geschrieben im Gesetz, im Buch des Moses, wo der HERR
gebietet: Die Väter sollen nicht sterben für die Kinder und die Kinder nicht
für die Väter, sondern ein jeder soll nur um seiner Sünde willen sterben.“ (5
Mo 24,16)
Diese Unsicherheit herrscht in der
ganzen Bibel. Nur Hesekiel ist in diesem Punkt eindeutig:
„14 Wenn
der dann aber einen Sohn zeugt, der alle diese Sünden sieht, die sein Vater tut
– wenn er sie sieht und doch nicht so handelt (…) sondern meine Gebote hält und
nach meinen Gesetzen lebt: Der soll nicht sterben um der Schuld seines Vaters
willen, sondern soll am Leben bleiben. 18 Aber sein Vater, der Gewalt und
Unrecht geübt und unter seinem Volk getan hat, was nicht taugt, siehe, der soll
sterben um seiner Schuld willen. (…). 20 Denn nur wer sündigt, der soll
sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll
nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten
soll ihm allein zugutekommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf
ihm allein liegen. (…) 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er
begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der
Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen
habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der HERR, und nicht vielmehr daran,
dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn
sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt
nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle
seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen
seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben.“ (Hesekiel
18, 14-24)
Jesus Position ist extrem ähnlich zu der
Hesekiels. Schuld ist allein individuell. Die Erlösung davon ist ebenfalls
individuell. Genau das zeigt Jesus mit seinem Tod - eher als die gewöhnliche
Interpretation seines Todes als Opfer zu kollektiver Erlösung von den Sünden. Anders
als in der griechischen Mythologie – Orpheus, Demeter – geht niemand in das
Reich der Toten, um sie zurückzuholen; in Jesus Fall noch nicht einmal Gott.
Jeder geht allein in das Reich des Todes; und jeder kommt auch allein wieder
daraus hervor.
Auch heute verursacht
die Vergebung der Sünden der Vorfahren Kontroversen. Einige - die Zyniker -
behaupten, dass sie keine Vergebung brauchen, weil die Sünden der Eltern nie
stattgefunden haben. Andere - die modernen Inquisitoren, die Nachfolger von
Paulus, die neuen Pharisäer, kurz: diese falschen Gerechten, die sich
selbst als Gerechte ausrufen, die den Splitter in dem Auge des Bruders aber
nicht den Balken in ihrem eigenen Auge sehen, (Mt. 7:3) - verurteilen
den anderen als schuldig, nicht aber sich selbst. Sie akzeptieren noch nicht
mal die Vergebung der Sünde nach der dritten Generation, weil sie die Sünde der
Eltern als politische und sozial Machtwaffe benutzen. Schließlich, die
Kinder, die die Sünden der Eltern erkannt haben, wollen sich von diesen
Sünden nicht nur abwenden, sondern auch dem Schaden reparieren, den die Eltern
verursacht haben. Sie arbeiten hart für das Gute, aber wegen der modernen
Inquisitoren leben sie in einem ständigen Schuldgefühl. Sie finden keinen
Frieden und keinen Trost in ihren guten Aktionen. Meiner Meinung nach ist die
Gefahr groß, dass diese Kinder sich entweder in Zyniker, in Inquisitoren oder in
Apathiker verwandeln.
Soll man alles vergeben? Soll man
jedem vergeben?
Jedenfalls zwei Sünden vergibt Jesus nicht. Erstens: Zynismus. Der Zynismus verhindert, dass die
Menschen den Unterschied zwischen Gut und Böse, Heilig und Profan sehen (z.B. die
Händler, die in den Tempel Geschäfte treiben). Zweitens: die Hybris derer, die
sich als Richter über Gut und Böse aufschwingen, statt sich um ihren eigenen
Sünden und eigene Verbesserung zu kümmern. Jesus vergibt nicht jedem; nicht
einmal am Kreuz hängend. Einem der Diebe an seiner Seite vergibt Er nicht, weil
dieser Dieb ein Zyniker ist. Dessen Unfähigkeit, den Unterschied zwischen Gut
und Böse zu erkennen bedeutet, dass sein drittes Auge - das Herz - geschlossen
ist. „Aber einer der Übeltäter,
die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf
dir selbst und uns!“ (Lukas 23,39) Der andere Dieb, dagegen sieh den
Unterschied: „Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten
verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lukas 23,41)
Isabel
Viñado Gascón
(Dieser Artikel erschien erstmals
in MoMo PubTalk am 19.01.2025)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.