Samstag, 14. Februar 2026

Sozialer Zusammenhalt

Eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen hält letztendlich zusammen, weil sie es wollen.

Es gibt drei spezifische Gründe, die diesen Willen wecken: Not, Erfolg und Liebe.

In einer komplexen Gesellschaft koexistieren diese drei Gründe stets zusammen.

1. Not

Traditionell wurde Not in Zusammenhang mit „Solidarität“ verstanden. Nur diejenigen, die im selben Boot sitzen, kennen und verstehen die Situation, in der sie sich befinden, und nur sie können die richtige Entscheidung treffen, um aus dieser Lage herauszukommen.

Not ist zum Beispiel das, was viele Familiengruppen zusammenhält. „Dort wo drei essen, essen auch vier“, sagt man in Spanien.

Die Notlage erlaubt selten demokratische Strukturen. In den meisten Fälle übernimmt eine Person oder eine kleine Gruppe, die volle Verantwortung, Macht, oder wie auch immer man es nennen will.

Eine Notsituation kann für das einzelne Individuum besonders gefährlich sein. Zum Beispiel: In einer Gruppe wird jemand zum Opfer ausgewählt, damit diese schwierige Situation endet, oder in einer Gruppe wird festgestellt, dass eine Person oder mehrere Personen die Ursache für diese Situation sind und sie werden als Sündebocke bestraft.

Wenn die Mehrheit der Individuen durch diese Unsicherheit mehr gefährdet ist als durch die Notwendigkeit der Situation selbst, kommt es in der Regel zu Revolutionen.

2. Erfolg.

Eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen, die ihre Ziele erreichen, wenn sie zusammenarbeiten, versuchen zusammenzuhalten, um weiterzumachen.

Hier ist das Thema "Freiheit" ambivalent. Es ist wahr, dass die Freiheit es dem Individuum ermöglicht, eigene Entscheidung zu treffen, die gut für den Erfolg der Gruppe sein können. Anderseits kann aber diese individuelle Initiative auch dem kollektiven Interesse schaden.

Die größte Gefahr entsteht jedoch, wenn individuelle Freiheit begleitet von persönlichem Ehrgeiz in Aktion tritt.  Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies wahrscheinlich rentabel. Trotzdem gefährdet dieser Individuelle Erfolg den Zusammenhalt der Gruppe. Die Kohäsion der Gruppe hält, solange der individuelle Erfolg potenziell allen offen steht. Anderenfalls gibt es entweder eine Machtergreifung der „Elite“ oder es bricht eine Volksrevolte aus

3.Liebe.

Sie entsteht aus einer freien und ehrlichen Entscheidung, um etwas Transzendentes aufzubauen oder weiter zu bauen. Liebe ist weder rationales Kalkül noch entfesselte Leidenschaft.

Hier sind Verstand und Gefühle in der Vernunft vereint. Sympathie spielt eine wichtige Rolle. Die Prinzipien, die der Gruppe das Aufbauen ermöglichen auch. Die Prinzipien entstehen aus Liebe zu einem bestimmten idealen Modell.

Was die Gruppe hier zusammenhält ist eher der Wille, eine Selbstverpflichtung zu erfüllen als ein Vertrag zu respektieren, um etwas zu erledigen. Es ist egal für was oder für wen die Liebe da ist: für die Familie, für die Heimat, für die Sprache, für das Unternehmen oder für die Nächsten. Das Wichtigste ist vor allem, dass diese Liebe frei, ehrlich und mit der Einstellung der Dauerhaftigkeit ist: ob es regnet oder die Sonne scheint, ob man sich in Not befindet oder man den Erfolg genießt.

Eine solche Liebe ist selten, aber nicht, weil sie selten ist, ist sie weniger stark als Element des Zusammenhangs.  Ganz im Gegenteil: Die Liebe als Element der Kohäsion in der Gesellschaft ist so mächtig, dass Diktaturen aller Art und Sorten die Liebe zu ihren Prinzipen,- durch Propaganda Erziehung zum Beispiel, in der Bevölkerung aufzudrängen versuchen.

Aber diese Liebe kommt nicht aus dem Inneren, sondern wird von außen eingeführt. Damit beginnt das schlimmste Verderben im Menschen und in der Gesellschaft. Nämlich: das Verderben durch Heuchelei.

Es gibt eine weitere Gefahr. Die Gefahr der Besessenheit von der Suche nach der wahren Liebe, die der Suche nach einer mystichen Vereinigung, eine „Union Mystica“ ähnelt. Das verursacht das Phänomen des Kitsches.

Isabel Viñado Gascón

(Dieser Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 1 May 2022)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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