Es
gibt ein Axiom, das die Existenz universeller Rechte beweist, unabhängig von
Zeit, Raum und kulturellen Diversitäten.
Dieses
Axiom lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Die
Grenze meiner Rechte und Freiheit sind die Rechte und Freiheit des oder der
anderen. Deshalb kann man die Existenz von Strafen und Freiheitsentzug in Gefängnissen
rechtfertigen. Aber sogar in solchen Fällen darf man nicht vergessen, dass das
universelle Axiom: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ gilt. Daher muss
man Folter immer verbieten, auch im Gefängnis; genauso wie die sogenannten „Berufsausbildungslager“,
die in China in Xinjang als vorgeblich präventive Maßnahme gegen Terrorakte errichten
worden sind. Ebenso verletzen Kinderarbeit, die der Person die Möglichkeit der
Bildung nimmt, Rassismus und Verbote, die nur das Individuum selbst betreffen,
wie die Geschlechtsbestimmung die Würde der Menschen. Ebenso muss die
Einschränkung der Meinungs- und Bewegungsfreiheit eine Grundlage haben, die
respektiert, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.
Die
Realität drängt sich jedoch auf und wir werden ständig Zeugen ungerechter
Handlungen. Ungerechtigkeiten setzen bestimmte Reaktionskräfte in Gang. Die
Analyse solcher Kräfte ist das, was ich hier vorhabe, obwohl sie aufgrund
unseres Formats äußerst kurz ist.
1.
Die Würde einer Person oder Personengruppe wird verletzt.
Zwei
Dinge können passieren. Entweder wird die Verletzung des universellen Axioms anerkannt
und das Gleichgewicht wiederhergestellt. Oder diese Ungerechtigkeit wird nicht anerkannt.
Im
letzteren Fall beginnt ein Kampf, um das verletzte universelle Recht
wiederherzustellen.
2.
Mobilisierung.
Die
vorherrschende Gruppe will den "Status quo" aufrechterhalten; zum
Beispiel, indem der Protestierer oder die Protestierenden lächerlich gemacht
werden. Ihnen wird im Einzelfall Eifersucht vorgeworfen oder Randalierer und
Revolutionäre zu sein, wenn es sich um eine Gruppe handelt. Ungerechtigkeit
wird bagatellisiert, lächerlich gemacht und man wird ihnen vorwerfen, alles zu
ernst zu nehmen oder zu empfindlich zu sein. Es werden „weiche“
Unterdrückungsstrategien wie Unachtsamkeit, Gaslighting, die Spiegelstrategie,
oder „harte“ Gewaltunterdrückungsmethoden verwendet.
Das
Individuum oder die Gruppe, die unter Ungerechtigkeit leiden, versucht Verbündete
und Anwälte zu finden.
Wiedermal
können hier zwei Sachen passieren. Der Kampf ist erfolgreich und die Ansprüche
werden endlich anerkannt. Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt.
Oder
der Kampf der Opfer ist nicht erfolgreich. Hier besteht nicht mehr nur eine
Situation der Ungerechtigkeit. Weil es schon eine Mobilisierung in der
Gesellschaft gegeben hat (Verbündete und Anwälte) entsteht, was der „Status
Quo“ "Ressentiments" nennt, und diejenigen, die unter der
Verletzung ihrer Würden leiden, "Durst nach Gerechtigkeit" nennen.
3.
Erscheinung der Bewegungen
Nicht
nur die ungelöste Ungerechtigkeit provoziert die Entstehung dessen, was man
"Bewegungen" nennt. Auch der Erfolg bei der Wiederherstellung der verletzten
Würde kann das Phänomen einer Bewegung erzeugen.
Ob
es sich um ein einzelnes Individuum oder um eine Gruppe handelt, das
wesentliche Merkmal der Bewegung ist, dass sie nicht nur Verteidiger oder Personen
sucht, die ihre Ansprüche teilen, - wie es bei der Mobilisierung geschehen ist
-, sondern "das Bewusstsein zu wecken". Das ist eigentlich ihr
letztes Ziel, so dass es in der ersten Linie nicht darum geht, die Situation
der verletzten Würde zu korrigieren, sondern eine relevantere Rolle in der
Gesellschaft zu erreichen. Es geht nicht mehr nur darum, den verletzten Achtungsanspruch
wiederherzustellen, sondern vor allem, ihre Position und Resonanz in der
Gesellschaft zu verbessern. Mit der Erscheinung der Bewegungen beginnt der
Kampf um die Etablierung der Identitätsrechte der Gruppe. Dies impliziert den
Beginn eines Kampfes, der nicht mehr auf dem Gebiet der universellen Rechte stattfindet,
sondern auf dem Gebiet der besonderen Rechte eine partikuläre Gruppe. Das
heißt: im Bereich der Macht unter rivalisierenden Gruppen mit ihren jeweiligen
Achtungsansprüchen.
4.
Verbesserung der Bedingungen
Der
Erfolg der Bewegungen bei der Verbesserung der Bedingungen ihrer
Identitätsrechte setzt den Wunsch voraus, weiterzukämpfen, um mehr Rechte zu
erwerben, die sie vorher nicht hatten, oder diejenigen, die sie bereits hatten,
auszuweiten. Die egalitären Gesellschaften etablieren zum Beispiel Quoten in
der politischen und wirtschaftlichen Repräsentanz oder führen Ermäßigungstarife
für die ökonomisch schwächsten Gruppen ein. Seltsamerweise geschieht dies auch
in Gesellschaften, in denen bestimmte Gruppen vorherrschen. Dort sind die
elitärsten Gruppen diejenige, die von Steuern und Abgaben befreit sind und den
höchsten Grad an Repräsentanz haben.
5.
Wenn die Bewegung erfolgreich ist, können drei Dinge geschehen:
a)
Die Bewegung bewahrt und anerkennt universelle Rechte und erreicht das in der
Gesellschaft verlorene Gleichgewicht.
b)
Die Bewegung behält ihre Vorrechte in Bezug auf die Vielfalt anderer Gruppen
wie den sozialen Frieden. In diesem Fall wird Toleranz zu einem Pakt der
gegenseitigen Nichtaggression.
c)
Die Bewegung gewinnt an Macht und initiiert Unterdrückung von Individuen
außerhalb dieser Bewegung. Die universellen Rechte werden verletzt und der
Kreislauf beginnt von Neuem.
Fazit:
Was manche - wie Carl Schmitt – „die Tyrannei der Werte“ nennen, ist
nicht die Tyrannei der universellen Rechte, sondern die Tyrannei der Rechte von
bestimmten Gruppen, die immer im Kampf um die Erlangung der Macht liegen.
Deshalb versuchen sie ihre eigenen Ansprüche als universelle Rechte geltend zu machen,
während sie gleichzeitig die Universalität der Rechte der anderen verneinen. Es
ist ein Kampf der bestimmten Rechte der einen gegen die bestimmten Rechte der
anderen, wobei jede Bewegung das Banner des universellen Rechts führt, um Druck
auf den Rest auszuüben.
Auf
diese Weise scheint ein Kampf für universelle Rechte geführt zu werden, der
eigentlich ein falscher Kampf ist. Die Schlussfolgerung von einem solchen Kampf
erweckt jedoch den Eindruck, dass universelle Rechte nicht existieren, was auch
falsch ist.
Das
alles zu vergessen und jede Bewegung zu unterstützen, die die universellen
Rechte zu verteidigen behauptet, während sie gleichzeitig die Flagge ihrer
besonderen Ansprüche schwenkt, verursacht kurz - oder langfristig große
Kopfschmerzen für jede Gesellschaft, die etwas auf sich hält.
Isabel Viñado Gascón
(Dieser
Artikel erschien erstmals in MoMo PubTalk am 15 Januar 2023)
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